Wer Maresi Riegner gegenüber sitzt, hat nicht den Eindruck, die junge Wienerin wäre in irgendeiner Form geschult, um manipulierenden Journalistenfragen wortgewaltig aus dem Weg zu gehen. Im Gegenteil: Sie hat sich eine gewisse Unsicherheit erhalten, und das ist in diesem Metier kein Nachteil. Maresi Riegner ist mit 30 bereits ein "alter Hase" im TV- und Filmgeschäft, aber einer, der diese Unschuld niemals verloren hat, der sich dem Beruf mit voller Hingabe widmet, anstatt zynisch zwischen PR-Agenten und roten Teppichen die eigene Existenz zu beweihräuchern. Das ist wahrlich eine Ausnahme im Filmgeschäft, gerade bei Schauspielerinnen.

In dem schweizerisch-österreichischen Film "Monte Verità" (derzeit im Kino) kann Riegner zeigen, dass sich die wahrhaftige Annäherung an eine Rolle wirklich auszahlt; anstatt sich abgebrüht und mit Schutzschichten überzogen einer Figur anzunehmen, um dann daraus eine Karikatur zu zeichnen, so wie das beim Fernsehfilm leider oftmals geschieht, schöpft Riegner aus der eigenen seelischen Kraft und kredenzt ihrer Figur der Hanna Leitner eine besonders authentische, aber auch gefühlvolle Aura, all das unter der Anleitung von Regisseur Stefan Jäger. Der operiert für den Stoff zwar manchmal hautnah am Kitsch, aber es ist dank Riegner eine dennoch lohnende Kinostunde, die an den Anfang des 20. Jahrhunderts zurückführt.

Damals gründete Ida Hofmann auf dem Monte Verità bei Ascona im Tessin ein Sanatorium, das Menschen allerlei Herkunft heilen sollte. Als junge Mutter bricht Hanna Leitner im Jahr 1906 aus ihrem bourgeoisen Wiener Leben aus, in dem sie unter den massiven Unterdrückungen ihres Mannes leidet, und geht in das Sanatorium, wo sie für sich Unbeschwertheit und Selbstverwirklichung entdeckt und sich in der Fotografie ausprobiert, die ihr Mann ihr stets untersagt hatte. Die innere Zerrissenheit von Hanna spielt Riegner mit einer großen Verletzlichkeit, der aber auch eine immense Stärke und Präsenz innewohnt. Es ist eine Frau, die ihre Stärke auch aus den eigenen Schwächen zieht.

Eine frühe Form der Emanzipation

"Ich war sehr dankbar für diese Rolle", sagt Maresi Riegner über "Monte Verità". "Ich habe bisher viele Frauenfiguren gespielt, denen man ihr junges Alter ansah, auch im Charakter. Diesmal aber konnte ich wirklich eine Art von Emanzipation spielen und darin auch zeigen, was ich sonst noch kann", so Riegner, die bisher in Filmen wie "Bad Fucking", "Licht", "Egon Schiele - Tod und Mädchen" oder in Serien wie "Vorstadtweiber", "Soko Wien" oder "Tatort" mitwirkte.

"Monte Verità" ist hinsichtlich ihrer darstellerischen Fähigkeiten ein Quantensprung für die Wienerin. "Endlich kann ich eine Figur spielen, die nicht bloß von ihrem jugendlichen Äußeren bestimmt ist", sagt Riegner. Sie ist als Hanna Leitner nicht reduziert auf das hilflose "Hascherl", sondern darf Mut zeigen. "Sie hat für mich eine sehr große Kraft, aber zugleich eine Zartheit und Sensibilität", sagt Riegner. Eine Mischung, die sie sich in weiblichen Filmfiguren häufiger wünscht. Widersprüche, Ungereimtheiten, Vielschichtigkeit. Etwas, das man im TV immer noch zu selten findet, im Kino dagegen schon häufiger.

Das Bild, das "Monte Verità" von der Situation von Frauen zu Anfang des 20. Jahrhunderts zeichnet, es zeigt jedenfalls eine frühe Form der Emanzipation. Bis heute ist die Situation von Frauen aber nicht so, wie sie sein sollte, findet Riegner: "Es sollte nicht vom Glück abhängen, ob eine Frau sich verwirklichen kann", sagt sie. "Es hat sich viel getan, aber wir sind lange noch nicht dort, wo man von Gleichberechtigung reden kann. Das ist ungerecht."

Man hofft, dass Riegner dies mit künftigen Rollen weiterhin zeigen kann: Dass nämlich neue Perspektiven auf Frauenrollen die Qualität heben können.