Netflix wird immer mehr zur Konkurrenz für das Kino; das betrifft allerdings schon länger nicht mehr so stark die Multiplexe, die ihr Geschäft mit effektgeladenen, aber oftmals seichten Blockbustern machen müssen - solche Filme besucht man wegen des Schauwerts, und da bleibt das Kino unangefochten die opulentere Begutachtungsstätte. Nein, Netflix zielt vermehrt auf die Zuschauer, die auch mit anspruchsvoller Filmware gelockt werden wollen. Zugleich bietet der Streaming-Dienst prominenten Schauspielern immer wieder die Gelegenheit, es einmal selbst hinter der Kamera zu versuchen.

Aktuellster Fall ist "Frau im Dunkeln", das überaus sehenswerte Regie-Debüt von Maggie Gyllenhaal. Der Film hatte in Venedig Weltpremiere im Wettbewerb, durfte Mitte Dezember für eine kurze Zeitspanne in die Kinos und landete zu Silvester im Programm von Netflix.

Zurückgeworfen auf ein verdrängtes Schicksal

Gyllenhaal verhandelt darin eine für Eltern ungemein nahegehende Geschichte: Sie folgt der Literaturprofessorin Leda, preisverdächtig interpretiert von Olivia Colman, in einen Griechenland-Urlaub, der sie zurückwirft auf ein sehr lange zurückliegendes Ereignis. Die Anwesenheit einer Familie mit kleiner Tochter (in der Mutterrolle primitiv-provokant: Dakota Johnson) in ihrem Hotelkomplex wirft Leda völlig aus der Bahn. Als das Mädchen zu verschwinden scheint, kommen lange verdrängte Gedanken zurück, und Leda lässt sich zu einer impulsiven Handlung hinreißen, die bald alles verändern wird. Leda fühlt sich erinnert an ihre eigene Mutterschaft von zwei Töchtern und wie sehr sie darunter litt, als Mutter nicht mehr selbstbestimmt agieren zu können.

Ein ungemein präzise und nuanciert gespieltes Drama, das von überforderten Eltern erzählt und auf Elena Ferrantes Roman "La figlia oscura" (2006) basiert, den Gyllenhaal auch selbst für den Film adaptierte. Der Film ist aufgeladen von einer selten so intensiven und zugleich berührenden Spannung, der Olivia Colman mit ihrem nuancierten, zurückhaltenden Spiel zuarbeitet.

"Als ich Elena Ferrantes Buch das erste Mal las, dachte ich: Oh mein Gott, diese Figur von Leda ist so was von am Ende", sagt Maggie Gyllenhaal. "Nur eine Millisekunde später dachte ich: Ich kann mich mit ihr ganz wunderbar identifizieren, bin ich also auch komplett am Ende?"

"The Lost Daughter" ("Die verlorene Tochter"), der englische Titel des Films, lässt - ganz ohne zu spoilern - tiefer blicken, woran Leda zu leiden hat. "Ich habe schließlich auch realisiert, dass es viele Menschen gibt, die eine solche Erfahrung durchgemacht haben, die aber niemals darüber sprechen. Weil einfach niemand darüber spricht. Für mich fällt das in die Kategorie ‚Geheime Wahrheiten weiblicher Erfahrungen‘", sagt Gyllenhaal.

Der Wechsel auf den Regiestuhl

Die Schauspielerin, die sich vorstellen könnte, auch einmal bei einem Film ihres Bruders Jake Gyllenhaal die Regie zu übernehmen, empfand den Wechsel auf den Regiestuhl als eine völlig unaufgeregte Angelegenheit. "Ich wusste schnell, dass ich eigentlich schon immer eine Regisseurin war, aber ich fühlte mich nicht berechtigt, es mir einzugestehen. Seltsamerweise spielte ich die Pornoregisseurin Candy in ‚The Deuce‘, und schon damals wusste ich: Das bin eigentlich ich, das ist eigentlich der viel bessere Job."

Für Olivia Colman ist die Rolle einer Mutter, die unter den Strapazen der Mutterschaft leidet, eine Gelegenheit, Tiefgründigkeit zu spielen. "Leda und ich sind sehr unterschiedlich. Ich kann aber ihre Denkweise verstehen, die hinter den Ereignissen im Film stehen", sagt Colman. "Ich glaube, die meisten Eltern wissen, was es heißt, 24 Stunden für die Kinder da sein zu müssen. Viele wünschen sich einmal für eine Stunde Ruhe. Aber Leda hat es zu einem fatalen Extrem kommen lassen, das ich nicht nachvollziehen kann."

Immerhin: Das Drama wird dadurch ungemein spannend. Die Macher von "Frau im Dunkeln" dürfen sich in den kommenden Monaten durchaus Chancen auf einige Awards bis hin zum Oscar ausmalen. Was die Macht von Netflix am Sektor der anspruchsvollen Filme weiter ausbauen dürfte.