Film ist Reproduktion, Reinterpretation, Diebstahl der Ideen von anderen; das hätte jemand wie Peter Bogdanovich wohl unterschrieben, ohne aber nicht einen zynischen Kommentar dazu zu setzen. Denn der Ideen-Diebstahl ist freilich eine Koketterie. In Wahrheit treibt die Neu- und Reinterpretation vieler Filme die Filmgeschichte überhaupt erst voran (fragen Sie einmal Tarantino!), es ist wie eine sich permanent selbst zitierende und darob sich weiter entfaltende Geschichte, die voller Zitate und Referenzen auf andere, ältere Filme steckt.

Peter Bogdanovich, der am 6. Jänner im Alter von 82 Jahren in Los Angeles verstorben ist, war ein Meister im Einsatz dieser Referenzen. In seinem letzten Spielfilm "Broadway Therapy" (2014) hatte er in hohem Tempo und mit einem famos agierenden Cast die Hollywood-Screwball-Comedy aus der Goldenen Ära der Traumfabrik zurück in die Neuzeit geholt und die Hände gefaltet, aus Dank an Lubitsch, Capra, Sturges und Hawks. Der Film lief weit unter Wert, wurde von der Kritik zerrissen und ist doch: ein außergewöhnliches, humoriges Vergnügen im Gedenken an die große Zeit, in der in Hollywood herzhaft gelacht werden durfte. Sich ein Vorbild an alten Zeiten nehmen? Das darf, das muss man. Das tat Bogdanovich gerne, und das tat er in ganz ausgezeichneter Qualität. Er schrieb auf diese Weise auch selbst an der Filmgeschichte mit.

Schon sein dritter Spielfilm "The Last Picture Show" ("Die letzte Vorstellung", 1971), der ihm das Label "Wunderkind" einbrachte, bezog sich in der Rezeption auf Bogdanovichs Vorbild Orson Welles, dessen Film "Citizen Kane" (1941) er verehrte. Man feierte den jungen Regisseur im New Hollywood der 1970er als ein Genie der Sonderklasse und verglich ihn mit Welles. Mit der Screwball-Komödie "What’s Up, Doc" (1972, eine Hommage an "Leoparden küsst man nicht" von Howard Hawks) mit Barbra Streisand und Ryan O’Neal und dem melancholischen Roadmovie "Paper Moon" (1973) mit der jungen Tatum O’Neal folgten weitere Hits, die jeweils ihrerseits Genres innerhalb der Revolution des New Hollywood wiederbelebten beziehungsweise neu interpretierten.

Top-Filmexperte

Dass Bogdanovich so viel über die Filmgeschichte wusste, lag auch daran, dass er vor Beginn seiner Regie-Karriere ein leidenschaftlicher Filmkritiker ganz im Sinne der französischen Filmzeitschrift "Cahier du cinéma" war, von der bereits die "Nouvelle Vague" ihren Ausgang genommen hatte. Auch kuratierte er zahlreiche Programme für das Museum of Modern Art in New York, ehe er ins Regiefach wechselte. Unzählige Interviews mit zeitgenössischen Regisseuren wie Hitchcock, John Ford, Fritz Lang oder Orson Welles reicherten seinen Erfahrungsschatz zusätzlich an. Mit Welles verband ihn auch eine Freundschaft, der Regisseur lebte zeitweise sogar in Bogdanovichs Haus. Empfehlenswert ist das Buch "This is Orson Welles", das Bogdanovich 1992 aus Gesprächen mit dem Regisseur zusammenstellte.

Bogdanovich, 1939 als Sohn von europäischen Emigranten in New York geboren, war als heißeste Aktie Hollywoods in den 1970er Jahren erfolgsverwöhnt. Das brachte aber auch leichtsinnige Entscheidungen mit sich: So hat der Filmemacher die Regie zu späteren Klassikern wie "Der Pate", "Der Exorzist" oder "Chinatown" abgelehnt, weil ihn die Stoffe nicht interessierten.

Ab Mitte der 1970er Jahre befand sich Bogdanovichs Stern im Sinken. Filme wie "Daisy Miller" (1974), "At Long Last Love" (1975) oder "Nickelodeon" (1976) wurden durchwachsen aufgenommen. 1979 brachte "Saint Jack" Bogdanovich nach etlichen erfolglosen Filmen wieder den Respekt vieler Kritiker ein. 1990 drehte er mit "Texasville" die Fortsetzung seines Klassikers "Die letzte Vorstellung", 1993 stand in "The Thing Called Love" River Phoenix in seiner letzten Hauptrolle vor der Kamera.
Privat sorgte Bogdanovich für Wirbel: Er unterhielt eine lange Affäre mit Schauspielerin Cybill Shepherd und später mit dem Playboy-Model Dorothy Stratten. Deren Noch-Ehemann Paul Snider brachte die damals 20-Jährige um und tötete sich selbst. Einige Jahre nach Strattens Tod heiratete der Regisseur deren jüngere Schwester, Louise, trotz eines Altersunterschiedes von rund 30 Jahren. Die Ehe hielt bis 2001.

Der Oscar blieb ihm zeitlebens verwehrt, dafür erhielt Bogdanovich einen Grammy, für die Musik-Doku "Runnin‘ Down a Dream" über die Band Tom Petty and the Heartbreakers. Der Erfolg der Referenzen, die Bogdanovich gerne in seine Filme einbaute, speiste sich auch aus dem Nichtwissen des Publikums. "Es ist traurig, dass die Zuschauer kaum Filme kennen, die vor ‚Star Wars‘ gedreht wurden", sagte er. Das bringt den Vorteil, den Laien mit erprobten Ideen zu überraschen und den Kritikern größtmögliche Filmkenntnis zu beweisen.