Wer seine Freizeit schon in frühester Kindheit in einer Bar verbringt, der hat vermutlich ein Problem mit den Eltern: Dem kleinen J.R. (als Kind: Daniel Ranieri) fehlt es etwa an der Zuneigung seines Vaters, eines bekannten Radiomoderators, der in den 70er und 80er Jahren sehr oft im Wohnzimmer von J.R. zu Gast ist, aber eben nur als Radiostimme. Seine Mutter Dorothy (Lily Rabe) will für J.R. nur das Beste, leidet aber an Krebs und ist auch deshalb zurück ins Elternhaus auf Long Island gezogen, wo ein seniler Großvater (Christopher Lloyd) durchs Haus irrlichtert. Insgesamt keine Situation, die für J.R. eine große Perspektive bereithält.

Zum Glück gibt es da noch Onkel Charlie (Ben Affleck), der im von der Arbeiterklasse geprägten Teil Long Islands die Bar "Dickens" betreibt, wo sich J.R. immer öfter und immer länger aufhält; Charlie ist ihm zur ersehnten Vaterfigur geworden, die ihm Mut macht, seinen Lebenstraum zu verwirklichen, der sich immer deutlicher herauskristallisiert: J.R. (als junger Student gespielt von Tye Sheridan) will Schriftsteller werden, allein: Er weiß nicht recht, wie man aus der Berufung einen Beruf macht.

Ein Schriftsteller-Leben

All das ist als Prämisse für einen Spielfilm vielleicht vorderhand allzu komplex, und zugleich auch wieder banal. Doch als der US-Journalist und Schriftsteller J.R. Moehringer seine Kindheits- und Jugenderinnerungen in Form des Romans "The Tender Bar" 2005 zu Papier brachte, war schnell klar, dass der Pulitzer-Preisträger damit einen zutiefst persönlichen, aber auch allgemeingültigen Roman geschrieben hatte, der deshalb auch zu einem Bestseller wurde. Es ist die Nähe des Autors zu seiner Erzählung, die diese so mühelos griffig macht; es hat wohl etwas für sich, wenn Autoren und Regisseure dann am besten sind, wenn sie von etwas erzählen, das sie wirklich gut kennen.

Weshalb auch George Clooney der richtige Regisseur für diesen Stoff ist: Er hat "The Tender Bar" nun für Amazon Prime Video verfilmt; als Sohn eines Journalisten hatte er sich schon in "Good Night, and Good Luck" der schreibenden Zunft der 1950er Jahre gewidmet, diesmal sind es die 1970er, in deren Polaroid-Farben Clooney seine Adaption taucht, die famose Kameraarbeit stammt von dem Deutschen Martin Ruhe, der mit "Midnight Sky" schon Clooneys letzte Regiearbeit fotografierte.

Es geht also um das Schreiben, oder eigentlich: Um die Idee des Schreibens, um Vorstellungen und Lebensentwürfe, die rund um eine Schriftstellerei kreisen, mal als Hingespinst, mal als sehr kon kreter Plan, immer aber vage und von der Umsetzung her unsicher. Mutter Dorothy gesundet im Laufe des Films, und sie freut sich ungemein, als J.R. in Yale angenommen wird, wo er einen anständigen Beruf lernen soll, am besten als Jurist. Aber das Befreiendste, was J.R. hier nach seinem Abgang erleben darf, das ist die Selbsterkenntnis, es als Schriftsteller versuchen zu müssen. Freilich nicht, ohne vorab einen Umweg über den Journalismus zu nehmen, mit einem Praktikum bei der "New York Times".

Zuflucht und Sehnsucht

Die Bar von Onkel Charlie ist ihm in all den Jahren Zuflucht und Sehnsuchtsort gleichermaßen; sie zeugt von seiner Herkunft aus der Arbeiterklasse, aus der man es in den USA überallhin schaffen kann. "It’s America", ermuntert Onkel Charlie seinen Neffen. Das klingt nach Verklärung, aber es ist eine, die ganz ohne plakative Übertreibung vonstattengeht. Clooney setzt die Geschichte mit einer sehr sicheren Hand um, die sich weder Gefühlsduselei gestattet, noch jemals auf Emotionen verzichtet. Kritiker nennen das gewöhnlich "unaufgeregt", und viele haben Clooney für "The Tender Bar" gescholten, weil die Story schon in vielen Varianten zu sehen gewesen wäre und er dem Stoff nichts Neues hinzugefügt hätte. Das stimmt zwar, aber man tut Clooney Unrecht, wenn man ihm das Prinzip 08/15 vorwirft.

Die Unaufgeregtheit ist gerade das, was "The Tender Bar" zu großem Kino macht: Ein schlichter Film (empfohlen: die englische Originalfassung), eine schlichte, aber niemals einfältige Geschichte, schlicht und darob wahrhaftig aufspielende Schauspieler, die einfachen Figuren viel Komplexität geben. Gerade Ben Affleck erspielt sich als Barbesitzer und Vaterfigur eine ganz neue Dimension in seinem Oeuvre. Er ist dafür zurecht für einen Golden Globe nominiert worden.

Die Memoiren J.R. Moehringers mögen keine Action bieten, keine besonderen Thrills und keine dramatischen Wendepunkte. Es sind vielmehr Momente, die man Leben nennt. "The Tender Bar" als Film spiegelt das ganz vielschichtig wider. Es ist der große Trumpf Clooneys, dass er bei seiner Inszenierung nicht dick auftragen muss. Viel interessanter wird die Geschichte durch seine Zurückhaltung: Er bleibt herrlich unspektakulär.