Wenn es in Hollywood eine Symbolfigur gibt, die dafür steht, dass man es in dieser Traumfabrik allen widrigen Umständen zum Trotz zu etwas bringen kann, dann ist es Sidney Poitier. Er ist ein überlebensgroßer Star geworden, der noch dazu der erste schwarze Schauspieler war, der sich über einen Hauptrollen-Oscar freuen durfte: Poitier wurde damit 1963 für "Lilien auf dem Felde" ausgezeichnet, das war zu einer Zeit, als man in den USA noch meilenweit davon entfernt war, alle Hautfarben gleich zu behandeln. Aber das war damals wie eine Revolution gegen den grassierenden Rassismus.

Poitier hatte eigentlich keineswegs die Voraussetzzungen für einen solchen Aufstieg mitgebracht: Er kam in Miami zur Welt, als Frühchen, das war vielleicht sein größtes Glück. Seine Eltern stammten von den Bahamas, und waren damals bloß in den USA zu Besuch. Poitier hätte ohne diesen Ort seiner Geburt womöglich niemals eine Karriere beim Film beginnen können. Seine Jugendjahre in Miami waren hart, die Familie war bitterarm und Poitier hatte kaum Bildung. Mit 18 zog er nach New York und putzte die Toiletten in einem Bus-Terminal. Er erlebte tagtäglich den Rassismus, der ihm von allen Seiten entgegenschlug. Ein spontanes Vorsprechen am American Negro Theatre endete mit einer Ablehnung: Poitiers Akzent klang zu stark nach den Bahamas, diesen "Slang" musste er sich erst noch abtrainieren.

Anfänge am Broadway

Beim zweiten Anlauf klappte es mit dem Engagement: Für seine kleine Rolle in der Broadway-Produktion "Lysistrata" bekam er Applaus von den Kritikern. Ende 1949 spielte Poitier schon größere Rollen am Theater, da wurde Hollywood in Gestalt von Produzent Darryl F. Zanuck auf ihn aufmerksam: Er engagierte ihn für die Hauptrolle in "Der Hass ist blind" (1950), in dem Poitier einen Arzt spielte, dessen Patienten sich aufgrund seiner Hautfarbe nicht von ihm behandeln lassen wollten. Das Thema Rassismus, es ist in Poitiers Karriere ein fixer Bestandteil; auch, weil sein Aufstieg in Hollywood eher schleppend verlief. Poitier bekam, genau wie viele seiner afroamerikanischen Kollegen, bloß Nebenrollen angeboten, erst nach und nach entdeckte man, dass er Star-Qualitäten hatte. Er spielte in Richard Brooks’ Sozialdrama "Die Saat der Gewalt" (1955) oder neben Tony Curtis in Stanley Kramers "Flucht in Ketten" (1958), was ihm seine erste Oscar-Nominierung einbrachte.

Nach seinem Oscar-Gewinn 1964 begann Poitiers erfolgreichste Schaffensphase: 1967 landete er mit "In der Hitze der Nacht" einen Hit. Als Polizist war er darin mit der Aufklärung eines Mordes in den ruralen Südstaaten befasst. Gleich darauf, in "Rat mal, wer zum Essen kommt", strapaziert er seine künftigen Schwiegereltern Spencer Tracy und Katherine Hepburn, als diese erfahren, dass ihre Tochter einen Farbigen mit nach Hause bringt. Immer wieder: Poitiers Karriere ist gepflastert mit Arbeiten zum Alltagsrassismus; er ist paradoxerweise der Motor dieser Weltkarriere, die auch stark dazu beigetragen hat, dass die Situation für afroamerikanische Schauspieler heute eine andere ist als damals.

Ab den 1970er Jahren wechselte Poitier auch hinter die Kamera und inszenierte Filme wie die Komödie "Ausgetrickst" (1977) mit Bill Cosby oder "Zwei wahnsinnig starke Typen" (1980) mit Gene Wilder, seine finanziell erfolgreichste Regiearbeit. Als Schauspieler machte sich Poitier in dieser Zeit rar. Erst Ende der 80er Jahre kehrte er in "Little Nikita" auf die Leinwand zurück, drehte danach etliche TV-Filme und beendete 2001 seine Filmkarriere.

Ehrung von Obama

Als Symbolfigur und Pionier für die Akzeptanz der Black Community blieb er allerdings in aller Munde; Barack Obama verlieh ihm 2007 die Presidential Medal of Freedom, und das sah wie ein persönliches Dankeschön aus: Schon in den 1950er Jahren unterstützte Poitier nämlich eine Organisation, die Stipendien für Afroamerikaner vergab; einer der Stipendiaten war Barack Obama Senior.

Sidney Poitier hatte seinen Stellenwert als Symbolfigur stets selbst gut eingeschätzt. Er war sich bewusst, wie er öffentlich wahrgenommen wurde und sprach auch immer versöhnliche Worte, wenn es um Konflikte ging. "Wir zeigen alle Courage, aber zugleich sind wir auch alle Feiglinge", schrieb er in seiner Autobiografie, in der er das Wesen des Menschseins skizzierte: "Keiner von uns ist perfekt, und das Leben ist ein unendlicher Kampf, um trotzdem Perfektion zu erreichen." Sidney Poitier starb am Freitag 94-jährig in Los Angeles.