Die Szene, die vielleicht am besten veranschaulicht, was in Lady Diana vorgegangen sein muss, als sie Teil der königlichen Familie war, spielt auf einem Klo. Dorthin hat sich Diana (Kristen Stewart) regelrecht geflüchtet, nicht nur, um das royale Dinner wieder auszukotzen, sondern auch, um der immerwährenden Kontrolle ihrer Person innerhalb und außerhalb des Palasts für wenigsten ein paar Minuten zu entrinnen - was ihr aber nicht gelingt; es ist die ganze Tragik dieser Figur in nur einer Szene spürbar, behutsam formuliert von Drehbuchautor Stephen Knight und stimmig inszeniert von Regisseur Pablo Larrain, der nicht das erste Mal den Versuch unternimmt, einer Frau, die in der Öffentlichkeit steht, nahezukommen, ohne sich ihr anzubiedern. Mit "Jackie" gelang dem Chilenen Larrain 2016 ein beeindruckendes Porträt von Jackie Kennedy, verkörpert von Natalie Portman, das gefühlvoll und distanziert zugleich war. Dasselbe Kunststück, nur einen Tick überhöhter, stilisierter, wiederholt Larrain in "Spencer". Der Film ist bewusst auf den bürgerlichen Namen von Lady Di getauft, denn sie wähnte sich zeitlebens am falschen Platz in dieser Royal Family. Sie tut beinahe alles, um den immensen Druck loszuwerden. Da ist das Erbrechen der königlichen Speisen nicht bloß auf ihre Essstörungen zurückzuführen - immerhin symbolisiert das ausladende Dinner auch die Last, die Diana hier in sich hineinschaufeln muss, unter den gestrengen Augen der Queen.

Larrain bleibt stets in der entrückten, befremdlich anmutenden Perspektive von Diana, eine Perspektive, die sie felsenfest an ihre Unschuld und ihre Deplatziertheit glauben lässt, nicht ahnend, dass das so nicht der Realität entsprach. Da muss Gatte Charles (Jack Farthing) einmal mahnend eingreifen: "Es muss zwei Versionen von dir geben, eine echte und eine von der Frau, die man fotografiert."

Aber Diana arbeitet dem entgegen: Die Perlenkette, die Charles ihr zu Weihnachten geschenkt hat, ist dieselbe, die auch Camilla trägt, und wirkt auf Diana wie eine Fessel. Das Kleid, das eigentlich für das Frühstück am Weihnachtstag vorgesehen war, tauscht sie mit einem anderen. Und fürs royale Familienfoto erscheint sie erst, nachdem die Queen Platz genommen hat. Kein Fauxpas, ein Eklat ersten Ranges!

Das Korsett um Diana schnürt sich immer enger zu

Bald wird ihr ein persönlicher Bewacher (Timothy Spall) zur Seite gestellt, der sofort Alarm schlägt, wenn Diana in der Palastküche eine Heißhungerattacke bekommt oder sich in ihrem Zimmer umzieht, ohne dabei die Vorhänge zu schließen. Das Korsett um sie schnürt sich immer enger zu, ein Ausbruch steht unmittelbar bevor.

Larrain gelingt es, Klischees mit seiner Erzählung zu bestätigen, ohne sich selbst in der Materie zu verrennen. Er nennt den Film folgerichtig eine "Fabel über eine wahre Geschichte", was ihm genug Freiraum in der Interpretation von Dianas Charakter lässt. Kristen Stewart ist famos in der Rolle. Der "Twilight"-Star ist selbst ein gebranntes Kind, was sein Dasein in der Weltöffentlichkeit angeht. Stewart macht leidenschaftlich glaubhaft, dass Diana Freiheitsliebe und Mutterschaft über alles andere stellte - auch über die eigene Gesundheit. Und sie darf frech und kess sein; Larrain entzaubert die royale Prüderie und bildet sie zugleich vortrefflich ab, wenn er seine Diana Spencer zu ihren Zofen sagen lässt: "Verlassen Sie bitte den Raum, ich will masturbieren." Eine wahre Königin der Herzen.