Es ist einer der herausragendsten Filme des Jahres: Der Chilene Pablo Larrain hat in "Spencer" (derzeit im Kino) bloß drei Tage im Leben von Lady Diana rekonstruiert, in denen sie während der Weihnachtsfeierlichkeiten 1991 im königlichen Sandringham-Anwesen in Norfolk mit sich und der königlichen Familie hadert; der Eklat steht förmlich im Raum, die Queen und auch Gatte Charles sind außer sich vor Wut über Diana Spencer und ihr unkönigliches Verhalten in Sandringham. Man gibt der verzweifelten Prinzessin, die sich ständig erbricht und aus dem höfischen Zwang bei jeder Gelegenheit ausbricht, zusätzliche Aufpasser, auf dass das royale Gefüge im Lot bleibe. Allein: Mit Kristen Stewart in der Hauptrolle der Diana Spencer lässt sich ein Lot nicht senkrecht halten - sie spielt mit ungeheurer Leidenschaft und Freiheitsliebe eine Lady Diana, die man im Kino so noch nicht gesehen hat. Pablo Larrain inszeniert daraus ein vielschichtiges, stets akkurat wirkendes Bild der gefangenen Prinzessin und darf für "Spencer" auf zahlreiche Oscar-Nominierungen hoffen.

"Wiener Zeitung": Sie haben bereits 2016 mit "Jackie" über Jackie Kennedy einen Film über eine einflussreiche, in der Öffentlichkeit stehende Persönlichkeit gedreht. Was war die Motivation, etwas über Lady Diana zu erzählen?

Pablo Larrain mit Kristen Stewart bei der umjubelten Filmpremiere beim Festival von Venedig im September 2021. - © Katharina Sartena
Pablo Larrain mit Kristen Stewart bei der umjubelten Filmpremiere beim Festival von Venedig im September 2021. - © Katharina Sartena

Pablo Larrain: Diana Spencer war eine Projektionsfigur für viele ihrer Zeitgenossen. Dies ist die Geschichte einer Prinzessin, die nicht Königin werden wollte, sondern sich eine eigene Identität ausgebildet hatte. All die Märchen, die wir aus Kindertagen kennen, wo es um Königinnen und Prinzessinnen ging, hebelte sie aus, sie stellte diese Welt auf den Kopf und überraschte mit ihren unkonventionellen Zugängen zum Thema. Weil sie so eine starke Persönlichkeit war, die sich dem britischen Königshaus nie beugen wollte, interessierte mich der Zugang, Dianas Schwanken zwischen Zweifeln und Entschlossenheit bis zum letztendlichen Befreiungsschlag für sie selbst und ihre Kinder zu beleuchten. Und das gelingt am besten exemplarisch, indem man eine nur kurze Zeitspanne beleuchtet, in der alle ihre Verpflichtungen zutage kamen. Sie lebte Ehrlichkeit und Menschlichkeit, das ist bis heute beispiellos.

Woher kommt das Faible, über berühmte Frauen zu erzählen?

Beide Frauen, Diana und Jackie, standen in einem gleißenden Rampenlicht, mit dem man erst einmal fertig werden muss. Sie schufen sich eine eigene Identität, die sich nur bedingt aus der Lebenswelt ihrer Ehemänner speiste. Jede von ihnen wusste die Medien ihrer Zeit auf ihre eigene Weise zu nutzen, um der Außenwelt ein bestimmtes Bild von sich zu vermitteln. Als Diana beschließt, Charles zu verlassen und der königlichen Familie und dem damit verbundenen Leben den Rücken zu kehren, trifft sie diese Entscheidung für sich selbst, denn ihr ist klar geworden, dass ihr die eigene Identität wichtiger ist als die der Königsfamilie oder der Nation. Sie trifft sie nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus innerer Notwendigkeit. Sie lebt in einem Umfeld, das sie erdrückt und herabsetzt und vor dem sie sich und ihre Kinder schützen muss. Dianas Entscheidungsprozess, ihr Schwanken zwischen Zweifeln und Entschlossenheit, der sich in den Weihnachtstagen auf Sandringham verdichtet, gibt zwar nur einen stark verkürzten Einblick in ihr Leben, steht aber exemplarisch für das große Ganze.

Das große Ganze waren für Diana ihre Kinder, das streichen Sie im Film deutlich heraus.

Ich habe irgendwann verstanden, dass wir einen Film über Dianas Rolle als Mutter drehen. Ich sah mich selbst als Sohn über ihre Kinder nachdenken. Diana war eine schöne Frau, die in der Öffentlichkeit stand, und die auf unglaubliche Weise die Herzen der Menschen öffnen konnte und beinahe überirdisch wirkte. Aber dann fand ich heraus, dass sie sich wirklich um diese Kinder kümmerte wie um nichts anderes. Ihre Söhne, sie sind meine Generation, und deshalb habe ich in Diana meine Mutter erkannt. Ich habe gesehen, dass ich hier in Wahrheit auch einen Film über meine eigene Mutter drehte. Einen Film über die Mutter von uns allen. Das war unglaublich.

Wie akkurat ist Ihr Film, bezogen auf die realen Ereignisse, die sich zugetragen haben? Ist alles erfunden oder gibt es belegte Vorlagen für Ihren Film?

Natürlich habe ich die Ereignisse verdichtet, denn sie spielen im Film nur an drei Tagen, rund um das Weihnachtsfest 1991. Viele Geschichten, die es in den Medien gab, sind wahr, andere erfunden. Wir haben zu ihrer Person, den königlichen Weihnachts-Ritualen sowie zu den Anekdoten über die Geister von Sandringham intensiv recherchiert. Aber Sie können sich vorstellen: Das Schweigen der Königsfamilie ist legendär. Selbst wenn sich ihre Mitglieder zu bestimmten Anlässen in der Öffentlichkeit zeigen, irgendwann schließen sich die Türen wieder, und von da an bleibt alles, was dahinter geschieht, ein strenges Geheimnis.

Also mussten Sie Ihre Fantasie benutzen?

Wir wollten kein Doku-Drama machen, sondern aus Elementen der Realität und unserer eigenen Vorstellung das Leben einer Frau mit den Mitteln des Kinos rekonstruieren. Genau das ist das Wunderbare am Kino: Es lässt unendlichen Raum für Fantasie. Natürlich sind für einen Spielfilm wie diesen, der so durch seine Figuren lebt, die Schauspieler entscheidend. Um eine Person zu erschaffen, die jeder zu kennen glaubt, war ein gutes Arbeitsverhältnis zwischen Hauptdarstellerin Kristen Stewart, Kamerafrau Claire Mathon und mir entscheidend. Ich glaube, darin lag der springende Punkt.

Welche Eigenschaften von Diana wollten Sie betonen?

Wir wollten keineswegs ihr durch die Medien bekanntes Image bemühen. Es ging mir eher darum, mit den Stilmitteln des Kinos - Zeit, Raum und Ton - eine innere Welt zu erschaffen, die die Rätselhaftigkeit und die Fragilität ihres Charakters vermittelt. Diese beiden Eigenschaften sind in den Szenen, die Elemente des Übernatürlichen aufweisen, besonders augenscheinlich. Aber es sollte realistisch bleiben, keineswegs ins Spirituelle oder Absurde abdriften.

Mit Kristen Stewart haben Sie eine Frau besetzt, die selbst weiß, was es heißt, in der Öffentlichkeit zu stehen. Immerhin war sie erst 18, als "Twilight" ein Welterfolg wurde.

Kristen Stewart gehört zur Riege der großen Schauspielerinnen unserer Zeit. Sie hat diesen Status erreicht, weil sie etwas mitbringt, was in Filmen sehr wichtig ist: eine Aura des Geheimnisvollen. Sie ist einfach niemals zu entschlüsseln. Es spielt keine Rolle, wie viele Dinge sie sagt, was sie fühlt, was sie durchmacht. Sie hat einen inneren Engel, den ich durch die Kameralinse gesehen habe, zumindest auf dem Bildschirm. Und genau so etwas habe ich für diesen Film gesucht, denn auch Lady Diana war in Wahrheit nicht zu fassen. Noch bevor ich mit der Arbeit an diesem Film und mit den allerersten Recherchen begann, wurde mir klar, dass es unmöglich ist, wirklich zu wissen, wer Diana war. Vielleicht war es eine gute Idee, eine Schauspielerin zu haben, die dieses Mysterium spielen konnte.