Man kann Herbert Achternbusch vieles vorwerfen, eines sicher nicht: Dass er sich für seine Kunst nicht immer auch die maximale Aufmerksamkeit gewünscht hatte. Sei es mit der Aussage einer seiner Filmfiguren in "Servus Bayern", "In Bayern möchte ich nicht einmal gestorben sein", was die bayerische Landesregierung dazu veranlasste, ihm die Fördergeld-Zusage zu entziehen. Oder sei es mit dem Aufreger-Film "Das Gespenst" (1982), dem man Blasphemie vorwarf, weil Jesus darin in Bayern vom Kreuz stieg und Sex mit einer Ordensschwester hatte. Die Kirche tobte, der ganze Freistaat geriet in Wallung.

Es sind seine skurrilen Filme, die Achternbusch weit über die Grenzen der Genres, mit denen sie hantierten, bekannt machte. Der Hang zum Skandal, er war immer künstlerisch motiviert, denn das war sein Metier. Besonders lagen ihm avantgardistische Zugänge, mehr als das lineare Erzählen. Auch in seinem literarischen Schaffen bildete sich das ab: Hier gibt es Lyrik und Gedichtbände, aber auch preisgekrönte Avantgarde-Literatur wie seinen Debütroman "Die Alexanderschlacht" (1971), die ihn als große literarische Nachwuchshoffnung erscheinen ließ. Aber in ein Korsett wollte sich Achternbusch niemals stecken lassen, dafür war ihm die Freiheit seiner selbstgewählten Autarkie und also auch Außenseiterposition viel zu wichtig. Mit ein Grund, weshalb es auch hier Eklats gegeben hat, auf der literarischen Bühne. Unvergessen blieb, wie er 1977 den Preis-Scheck des von Hubert Burda gestifteten Petrarca-Preises noch bei der Verleihung in Brand steckte und die Veranstaltung protestierend verließ. Solche Ereignisse blieben hängen, in der einstmals eher prüden deutschen Nachkriegs-Literaturlandschaft.

Eigentlich begann Achternbusch, der am 23. Jänner 1938 in München zur Welt kam, in einem anderen künstlerischen Metier: In der Malerei, wobei er Malerei und Lyrik anfang der 1960er Jahre oftmals verband. Schon während seines Studiums an den Akademien der bildenden Künste in Nürnberg und München schuf er etliche Bilder, Radierungen, daneben auch Plastiken. Hans Erich Nossack, Günter Eich und Martin Walser rieten ihm, zur Literatur zu wechseln, bald wurde Suhrkamp auf Achternbusch aufmerksam. Wiewohl Achternbusch auch viele Theaterstücke schrieb, fand er seine Heimat ab den 1970er Jahren allerdings beim Film.

Damals kam Achternbusch in Kontakt zur Szene der deutschen Autorenfilmer um Werner Herzog, Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta. Seine oft mit geringem Aufwand gedrehten Produktionen nahmen regelmäßig die so unangepasst-subversive wie obrigkeitshörige und bigotte bayerische Volksseele aufs Korn – Achternbusch pflegte zeitlebens eine Hassliebe zu seiner Heimat. Pikanter Höhepunkt: Im Film "Der Depp" (1983) ließ er seinen Lieblingsfeind Franz Josef Strauß just im Hofbräuhaus vergiften. Pardauz!

Achternbuschs Credo in der künstlerischen Arbeit war, sich auch mit geringen bis keinen Mitteln Gehör zu verschaffen. "Nichts ist besser als gar nichts", hat er einmal gesagt, und seine Filme strotzten nur so vor Erfindungsreichtum, um Budget-Größe zu suggerieren, die gar nicht da war. Aber das Karge, das Unterernährte, es war auch Ausdruck seiner Kunst. Die simple Idee erwies sich stets als tiefergehend als jede konstruierte Geschichte. In "Das letzte Loch" (1981) wollte die Hauptfigur für jeden der sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden einen Schnaps trinken. In "Wohin" (1987) ließ Achternbusch den Aids-kranken Schauspieler Kurt Raab in einem Biergarten über sein nahendes Ende sprechen. In "Bierkampf" (1976) provozierte er verkleidet als Polizist Betrunkene beim Münchner Oktoberfest. Die Idee zu einem Film musste zünden, davon war Achternbusch überzeugt.

Er selbst lieferte zu Lebzeiten vielleicht das treffendste Resümee seines Daseins: "Ich musste 1938 auf die Welt kommen, nachdem ich mir meine Eltern schon ausgesucht hatte. Meine Mutter war eine sportliche Schönheit vom Land, die sich nur in der Stadt wohlfühlte. Mein Vater war sehr leger und trank gern, er war ein Spaßvogel. Kaum auf der Welt, suchten mich Schulen, Krankenhäuser und alles Mögliche heim. Ich leistete meine Zeit ab und bestand auf meiner Freizeit. Ich schrieb Bücher, bis mich das Sitzen schmerzte. Dann machte ich Filme, weil ich mich bewegen wollte. Die Kinder, die ich habe, fangen wieder von vorne an. Grüß Gott!"

Herbert Achternbusch starb am 13. Jänner in München.