Ende September 1938 bekam Adolf Hitler in München bei einer Konferenz zwischen Deutschen, Franzosen, Italienern und Briten die Absegnung seines Vorhabens, im Sudetenland einzumarschieren; im Hintergrund erhoffte sich der britische Premier Neville Chamberlain nicht nur die Verhinderung eines Krieges, sondern auch jedwedes weiteres Streben von "Herrn Hitler" unterbunden zu haben, in Europa Gebietsansprüche zu erheben. Dass diese Absichtserklärung, die Chamberlain Hitler am Ende der Konferenz abrang, nicht das Papier wert war, auf dem sie verfasst wurde, zeigte die Geschichte: Ein Jahr später brach der Zweite Weltkrieg aus.

Chamberlain, dem die Forschung inzwischen attestiert, eitel und egoistisch gehandelt zu haben, wird in "München - Im Angesicht des Krieges" (neu auf Netflix) nun für seine Großtat, den "Führer" zu besänftigen, ein filmisches Denkmal gesetzt, das freilich so nicht ganz akkurat ist; was der Film unumwunden zugibt, denn: Er basiert nicht nur auf Robert Harris’ Roman von 2017, in dem der Autor in Bestseller-Manier Chamberlain rehabilitierte. Er liefert in seiner Machart auch Zeugnis davon, dass Historie allein nicht spannend genug ist für das Kino, wenn es darin keine Fiktion gibt.

Die Fiktion rund um die Münchener Konferenz von 1938 findet nicht auf staatsmännischer Ebene statt, sondern darunter, bei den Diplomaten. Der Deutsche Paul von Hartmann (leidenschaftlich: Jannis Niewöhner) und der Brite Hugh Legat (George MacKay) studierten 1932 in Jugendtagen in Oxford, aber die Freundschaft entzweite sich an Pauls wachsender Befürwortung der in Deutschland aufkommenden Nazis. Es kam zu einem Bruch. Ein Sprung ins Jahr 1938 bringt die beiden, inzwischen jeweils in hohen diplomatischen Positionen tätig, wieder zusammen: Pauls Meinung hat sich gewandelt, er ist sicher: "Hitler ist ein Monster." Belege dafür will er in einem internen, streng geheimen Papier gefunden haben, das ihm seine Liebelei aus dem Amt (Sandra Hüller) illegal beschafft hat: Ein Plan, wie Hitler in den kommenden Jahren systematisch Europa erobern will. Der Macguffin für diesen Film.

Das Geheimpapier muss zur Konferenz nach München gebracht werden, noch bevor Chamberlain und die anderen Staatsmänner Hitler im Sudetenland gewähren lassen. Denn dann bestünde die Möglichkeit, Hitler verhaften zu lassen, wenn er einfach in der Tschechoslowakei einmarschiert. Das ist zumindest die Hoffnung von Paul und seinen Hintermännern im Widerstand.

Das Unterfangen baut Regisseur Christian Schwochow ("Je suis Karl") zu einem spannenden Diplomatenthriller auf, der allerdings etliche Bruchstellen mit sich führt: Sieht man von der nervös-fahrigen Kameraarbeit und der typischen Künstlichkeit von historischen Arrangements aus der NS-Zeit einmal ab, sind es vor allem die Figuren, denen es an Glaubwürdigkeit mangelt. Als Neville Chamberlain macht Jeremy Irons einen optisch akkuraten Eindruck, ist aber meilenweit von dem differenzierten Bild des britischen Premiers entfernt, das man ihm heute zuschreibt. Stattdessen ist er der Held der Geschichte, der nichts unversucht lässt, Krieg zu verhindern. Eine unterbelichtete Lichtgestalt.

Hitler als Karikatur

Adolf Hitler hat dank Ulrich Matthes’ Interpretation die dämonischsten Augen der Filmgeschichte, aber Uniform und Perücke wirken so stümperhaft, dass sich nicht viel mehr als eine Karikatur ergibt; genau wie die Figur von Franz Sauer (August Diehl), ein fiktives Mitglied aus Hitlers Leibstandarte. Diehl spielt den durchtriebenen SSler mit einer allzu von der "Führer"-Aura berauschten, an einen Junkie erinnernden Wahnhaftigkeit.

Aber auch die Staatsmänner bei der Konferenz wirken seltsam entrückt, zuweilen wie verkleidete Spaßmacher, die auf der Weltorgel spielen. Wenn das Absicht war, so wäre es ein großer Schachzug Schwochows, die rückblickend augenfällige Absurdität der Zeit zu persiflieren.

Die monumentalen Bilder des Films sind dazu da, die Konstruktions-Havarie des Drehbuchs abzumindern. Und doch gelingt Schwochow in dem Chaos ein überaus spannender Film, dem man viel verzeiht, auch, weil er in gängiger TV-Ästhetik einen wohlfeilen Erzählduktus trifft. "München" will manchmal auch ein Lehrstück sein, über die Ursachen und über die Angst. Am besten sagt es Hitler im Film einmal selbst: "Ich bin von Feigheit umgeben." Und der umstürzlerische Paul von Hartmann kann darauf nur sagen: "Jawoll, mein Führer." Es ist die Kapitulation vor der Angst. An dieser Stelle ist "München" richtig gut.