Es ist das Jahr 1973 im südkalifornischen San Fernando Valley: Die Hosen sind ausgestellt, die Hemdkrägen enorm groß und spitz, Büstenhalter eine Nebensache, auch gibt es keine Smartphones, sondern simple Scheibentelefone. Und da sind die Mittzwanzigerin Alana Kane (Alana Haim) und der Teenager Gary Valentine (Cooper Hoffman), die eine außergewöhnliche Freundschaft entwickeln: Als Gary Alana das erste Mal sieht, weiß er, dass sie einmal seine Frau werden wird. Alana fühlt sich zwar geschmeichelt, weist ihn aber ab. Hier beginnt die Coming-of-Age-Romanze "Licorice Pizza" die omnipräsente Frage zu stellen: Kommen die beiden nun zusammen oder nicht? Es erfordert kurzweilige 130 Minuten Geduld, die Antwort zu erfahren. Und Regisseur Paul Thomas Anderson ("Der seidene Faden", "Magnolia") weiß sein Publikum visuell und emotional auf eine Zeitreise zu entführen.

Ist es Liebe oder eine Geschäftsbeziehung? Alana Kane (Alana Haim) und Gary Valentine (Cooper Hoffman) entwickeln eine außergewöhnliche Freundschaft. 
- © Mayer Pictures Inc. / Paul Thomas Anderson

Ist es Liebe oder eine Geschäftsbeziehung? Alana Kane (Alana Haim) und Gary Valentine (Cooper Hoffman) entwickeln eine außergewöhnliche Freundschaft.

- © Mayer Pictures Inc. / Paul Thomas Anderson

Naturalistisch, witzig und exzentrisch

Es wird richtig nostalgisch, wenn Anderson den Bildern einen Hauch von sepiafarbenem Touch gegeben und gemeinsam mit Michael Bauman den Film auf 35mm gedreht hat. Dazu der Soundtrack mit Liedern von Sonny & Cher, Nina Simone und David Bowie. Man sieht die nicht perfekte Beschaffenheit authentischer Gesichter mit echten Wimmerln und oftmals einem Schimmer von Schweiß. Naturalistischer ist wohl kaum möglich. Und dies sind genau die Zutaten, die den Zuseher in diese Zeit, in die selbst erlebten Emotionen von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt der ersten Liebe, eintauchen lassen. Doch eine simple Romanze zwischen dem erst 15-jährigen Jungschauspieler und Wasserbetten-Unternehmer Gary und der wesentlich älteren, etwas naiven und unschlüssigen Alana, ist Andersons Streifen auf keinen Fall.

Denn da wäre, abgesehen von seinem absurden Humor an den genau richtigen Stellen und den perfekten Tempi, auch eine Riege an außergewöhnlichen Nebendarstellern und ihren exzentrischen Rollen: Ein äußerst witziger Sean Penn etwa, als alternder Filmstar, der mit seinem Motorrad einen irrwitzigen Stunt versucht und eine Anspielung an das verschwindende Goldene Zeitalter von Hollywood ist. Oder Bradley Cooper in der Rolle des egozentrischen und skurrilen Hollywood-Produzenten und Ehemann von Barbra Streisand, Jon Peters. Filmemacher Benny Safdie gibt den Politiker Joel Wachs, der sein Privatleben verheimlichen muss. Es ist dies nicht die einzige politische Anspielung, auch Öl-Krise, Sexismus und Rassismus werden thematisiert.

Dennoch verliert der Film nie seine träumerische und sommerliche Leichtigkeit, was neben dem Regisseur auch an den beeindruckenden Filmdebüts der beiden Hauptdarsteller liegen mag: Alana Haim ist Mitglied der Indie-Rock-Schwesternband Haim, für die Anderson Musikvideos produzierte. Cooper Hoffman ist der Sohn des 2014 verstorbenen Oscar-Gewinners und Anderson-Stammschauspielers Philip Seymour Hoffman. Anderson hat sich mit "Licorice Pizza" selbst übertroffen.