Am schärfsten bringt es der reife Herr aus Israel zum Ausdruck. Richard Wagner war "ein scheußlicher Mensch, der himmlische Musik geschrieben hat". Der Satz stammt allerdings nicht von dem Opernfreund selbst, sondern seinem Vater. Der war aus dem NS-Staat geflohen und hatte in die neue Heimat vor allem Platten mitgenommen, mit Musik des Antisemiten. Und: Er hat seinem Sohn diese Passion und die Gabe vererbt, zwischen dem Werk und Charakter eines Künstlers zu trennen. So hat Jonathan Livny den ersten Wagner-Verband Israels gegründet - in einem Land, das das deutsche Opern- und Selbstvermarktungsgenie bis heute boykottiert.

Es sind Passagen wie diese, die Axel Brüggemanns Doku "Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt" über den Rang einer aparten Hommage hinausheben und die Ausmaße einer Sogkraft ahnen lassen, die über räumliche und ethnische Schranken wirkt. Eine Magie, die auch Kevin Maynor in Bann geschlagen hat: Der Bassbariton organisierte unter dem Himmel von Newark, New Jersey, den ersten "Ring" mit ausschließlich schwarzen Künstlern. In Abu Dhabi wiederum begegnet man einem kleinen, aber edel besetzten Wagner-Verband: Der Scheich selbst ist eines der beiden Mitglieder und hat ein Gastspiel der Wagner-Festspiele aus Bayreuth bewerkstelligt.

Das Treiben auf diesem Grünen Hügel, dem "Disneyland der alten Kultur" (Kritiker Alex Ross), wird hier ebenso beleuchtet - ehrfürchtig, doch auch unterhaltsam, wenn neben Autoritäten wie Katharina Wagner und Christian Thielemann ein lokales Fleischhauer-Ehepaar vom Ohrenschmaus der Wagneropern schwärmt.(irr)