Der Italiener Gianfranco Rosi ist ein Unermüdlicher: Mit seiner Dokumentarfilm-Kamera spürt er seit vielen Jahren hartnäckig den Geschichten hinter den Geschichten nach, hat etwa einen Film über den römischen Autobahnring "Grande Raccordo Anulare" und die Menschen, die dort leben, gedreht: "Das andere Rom" war 2013 der erste Dokumentarfilm überhaupt, der einen Goldenen Löwen in Venedig holte. In "El Sicario: Room 164" (2010) erzählte Rosi über einen Killer für die mexikanischen Drogenkartelle. In "Seefeuer" (2016) begab er sich auf die Insel Lampedusa, um der Flüchtlingswelle nachzuspüren. Und in seinem neuen Film "Notturno" verschlägt es ihn in den vom Krieg heimgesuchten Nahen Osten, wo er drei Jahre lang mit seiner Kamera unterwegs war, um den Alltag der Menschen aus den unterschiedlichsten Nationen einzufangen. Der Film ist heuer die offizielle Einreichung Italiens für den "Auslandsoscar" und startet jetzt in den heimischen Kinos.

"Wiener Zeitung": Sie verschlägt es häufig in Krisengebiete, die gerade schwere Zeiten durchmachen oder hinter sich haben. Was treibt Sie an? Was wollen Sie finden?

Gianfranco Rosi: Ich denke, meine Arbeit beginnt an dem Punkt, an dem Journalismus endet. Während die Nachrichten intensiv über aktuelle Ereignisse berichten, sich aber vom Geschehen zurückziehen, wenn diese Ereignisse vorbei sind, befasse ich mich mit den Nachwehen. Ich will genau hinsehen, wie die Ereignisse das Leben der Menschen vor Ort beeinträchtigt haben und weiterhin prägen. Was bleibt zurück, wenn die Katastrophe erst einmal vorbei ist? Das ist die Frage, die mich antreibt. Ich versuche, etwas sehr Persönliches zu finden, eine Begegnung, eine Intimität, die über die Eilmeldung hinausgeht.

In "Notturno" sieht man die verschiedensten Menschen: Männer, die für und gegen den IS kämpfen, Frauen, die ihre Töchter und Söhne in Kämpfen verloren haben. Personen aus dem Irak, dem Libanon, aus Syrien. Schicksale.

Die Flut von Bildern und Schlagzeilen aus dem Nahen Osten kann die Menschen für die menschliche Tragödie vor Ort blind machen. Die Leute gewöhnen sich daran. Wenn sie von tausenden Toten sprechen, sind das nur Zahlen. Der Zuschauer hat dazu keinerlei Beziehung. Also versuche ich, den Nachrichten Gesichter zu geben. Aber ich muss dabei nichts erläutern, das ist mir wichtig. In jedem Film, den ich mache, versuche ich, so wenig Informationen wie möglich zu geben. Hier gebe ich keinerlei Auskunft. Dieser Film ist extremer, weil man nicht weiß, wo man ist.

Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi. - © Katharina Sartena
Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi. - © Katharina Sartena

Oftmals sind es Grenzgebiete, in denen Sie sich umsehen.

Ja, denn es geht um das tägliche Leben an diesen Grenzen, sie sind der Raum und der Rand der Geschichte. Nur auf der anderen Seite gibt es Missbrauch, Zerstörung, Gewalt - die reinste Hölle. So wollte ich den Film haben. Ich bin an viele Orte gereist, um eine gemeinsame Basis für diese Geschichte zu finden und sie dann in einen Geisteszustand umzuwandeln, in ein Gedankenexperiment über den Nahen Osten. Ganz nebenbei: All diese Grenzen sind sowieso unrichtig, gezogen von Kolonialmächten. Das ist freilich auch der Grund für einen Großteil dieses Konflikts.

Wie muss man sich die Dreharbeiten vorstellen?

Ich nehme mir viel Zeit. Meistens bin ich als Ein-Mann-Team mit meiner Kamera allein unterwegs. Ich lerne Leute kennen, filme sie, gehe weiter zu anderen, kehre später zu ihnen zurück, wie ein langsamer Kreislauf, um die Geschichte zu verstehen. Wenn ich die Kamera auf die Schultern hebe, ist sie zunächst einmal sehr präsent. Aber nach einer Weile kümmert sich mein Gegenüber nicht mehr um die Kamera, um meine Anwesenheit. Stattdessen nimmt sie den Umstand an, dass ich Teil des Lebens bin. Damit einher geht ein sehr starkes Vertrauensverhältnis. Dieses aufzubauen, das kostet Zeit und auch viele Drehstunden. Aber ich habe die Geduld, auch drei Wochen warten zu können, wenn ich das richtige Licht für eine Aufnahme brauche. Denn der richtige Moment macht die Szene besser, als wenn man bloß etwas dokumentiert. Dokus, die journalistischer sind, sind total in Ordnung, aber sie sind nicht meine Sprache. Ich möchte mit den Mitteln des Kinos die Erfahrung und auch die Atmosphäre auf die Leinwand bringen, die ich bei den Dreharbeiten durchlebt habe.

Wie ist es eigentlich, einen Film zu machen, der nahezu ohne Kommentar auskommt und über den Sie nachher in Interviews sprechen müssen?

Das ist der schwierigste Teil für mich. Hier sitze ich, nachdem ich drei Jahre lang einen Film gemacht habe, und muss ihn erklären. Aber das hat auch eine gute Seite, denn wenn ich über den Film spreche, zwinge ich mich dazu, ihn in mir zu vertiefen und letztendlich selbst besser zu verstehen. Vor meinem ersten Interview zu "Notturno" fühlte ich mich ziemlich leer und wusste wirklich nicht, was ich dazu sagen sollte. Das Interview war für 30 Minuten anberaumt, es dauerte schließlich eineinhalb Stunden. Das war der Beweis für mich, wie notwendig es war, mich über diese Form auszudrücken und diesem Film Denkraum in mir zu eröffnen.