Kenneth Branagh war bereits 2017 in der starbesetzten Neuverfilmung von "Mord im Orientexpress" als belgischer Ermittler Hercule Poirot zu sehen und führte damals wie auch jetzt bei der Neuverfilmung von "Tod auf dem Nil" Regie. Dass er sein Handwerk beherrscht, merkt man schnell: Branagh zieht die Zuschauer gleich zu Anfang mit der Musik und der Atmosphäre eines Londoner Nachtclubs im Jahre 1937 in seinen Bann. Zwischen den Hauptpersonen Jacqueline de Bellefort (Emma Mackey) und Simon Doyle (Armie Hammer) existiert eine knisternde Atmosphäre. Dass Liebe, Eifersucht und Leidenschaft die zentralen Motive des Films sind, ist sofort spürbar - kaum verwunderlich, denn angeblich soll Agatha Christie durch eine Affäre ihres Mannes zu "Tod auf dem Nil" inspiriert worden sein.

Früh im Film läutet der beeindruckende Auftritt der reichen Linnett Richway (Gal Gadot) bereits das Ende des Liebesidylls ein. Im weiteren Verlauf findet sich das Publikum in einer atemberaubenden Kulisse wieder: An Bord des Nilkreuzers "SS Karnak" begibt man sich mit einer bunten Hochzeitsgesellschaft von Assuan nach Abu Simbel. Doch anders als der Auftakt vermuten lässt, hat Simon nicht Jacqueline, sondern Linnett geheiratet. Emma Mackey fasziniert in der Rolle der verschmähten Jacqueline durch ihre intensive schauspielerische Leistung. Zuvor hatte Mackey vor allem durch ihr Mitwirken in der Netflix-Serie "Sex Education" auf sich aufmerksam gemacht. Mit ihr betritt eine Düsternis den Nilkreuzer, gegen die auch die ägyptische Sonne und das luxuriöse Ambiente nicht anzukommen vermögen.

Obwohl sich die Kriminalgeschichte anfangs eher langsam entwickelt, passiert bald das, was bei Agatha Christie immer passiert: ein Mord. Und wie immer hat auf dem ein bisschen zu makellosen Schiff jeder ein Motiv. Poirot versucht, den Mörder zu entlarven, der naturgemäß auf dem Kreuzer festsitzt. Dabei geht es ab einem gewissen Punkt Schlag auf Schlag, und das gibt Gelegenheit für einige überraschende Wendungen. Schüsse fallen, manche treffen ihr Ziel, ein Diebstahl geschieht, Beweise verschwinden im Nil, und so viel sei verraten: Es bleibt nicht bloß bei einer Leiche.

All das wäre an Handlung bereits genug, doch Branagh versucht in seiner Neuverfilmung zusätzlich, mithilfe von Rückblicken den Charakter Poirots zu erklären. Das Bestreben, den unnahbar wirkenden Ermittler menschlicher zu machen, funktioniert für Poirot-Neueinsteiger - eingefleischte Fans könnten von der erfundenen Nebenhandlung irritiert sein.

Agatha Christies Vorlage wird erweitert

Der Film hält einige weitere Abweichungen von der Originalgeschichte parat. So wird aus einer englischen Schriftstellerin eine afroamerikanische Bluessängerin (Sophie Okonedo) samt Tochter (Letitia Wright) und aus einem Mr. Pennington ein Mr. Katchadourian (Ali Fazal). Ein Ex-Freund (Russel Brand) kommt ebenso unerwartet vor wie eine heimliche lesbische Romanze, und sechs Originalcharaktere werden gleich ganz gestrichen.

Am meisten verwundert, dass die Figur des Bouc (Tom Bateman) eingebaut wurde, der bei Christie ausschließlich in "Mord im Orientexpress" vorkommt. Dadurch wird versucht, dem Film eine zusätzliche emotionale Facette hinzuzufügen, die er nicht unbedingt gebraucht hätte. Ob trotz oder gerade wegen der vielen Änderungen: Dem Film gelingt es, mit seinem Feuerwerk aus Emotionen zu berühren.