Der Testparkour steht, das erste der Bändchen für die frisch und negativ getesteten Berlinale-Besucher ist orange. Damit ausgestattet entfällt hier in Berlin die Pflicht, alle paar Minuten seinen 2G-Nachweis herauskramen zu müssen. Mit dem täglich wechselnden Bändchen ist man markiert.

Solche Ideen hat sich die Berlinale einfallen lassen, um trotz Pandemie und hoher Infektionszahlen als Präsenzveranstaltung über die Bühne gehen zu können. Hinzu kommt eine nur 50-prozentige Belegung der Kinos, was angesichts einer eher bescheidenen Anzahl von Akkreditierten aber vorerst ausreicht. Am Donnerstag Abend wurde die 72. Berlinale schließlich eröffnet, nach langen Wochen des Hoffens und Bangens, ob die Omikron-Lage dies überhaupt möglich machen wird.

François Ozon stellte "Peter von Kant" vor. 
- © afp/Andrea Gatzke

François Ozon stellte "Peter von Kant" vor.

- © afp/Andrea Gatzke

Und dann: Allerorts die Beteuerung, wie notwendig dieses Signal eines Präsenzfestivals für das pandemiegeplagte Kino als Institution ist. "Kino ist so wichtig", sagte Jurypräsident M. Night Shyamalan. Der französisch-tunesische Produzent Saïd Ben Saïd verglich das Filmerlebnis bei der Pressekonferenz am Donnerstag gar mit einer Religion: "Wir sind zurück in der Kirche".

Und auch die Berlinale-Leitung, Mariette Rissenbeek und Carlo Chartrian, tönte unisono: "Wir sind so froh, dieses Signal entsenden zu können. Das Kino lebt". Unnötig zu erwähnen, dass auch die deutsche Kulturministerin Claudia Roth in ihrer langen Eröffnungsrede für das Kino und die Kultur warb und unterstrich, wie sehr beides doch selbst in pandemischen Zeiten über allerlei Tragik hinweghelfen könnte.

Ein Risiko bleibt diese Berlinale dennoch: Nicht vorhersehbar ist am Tag der Eröffnung, wie die nächsten Tage im Infektionsgeschehen verlaufen werden. Ein finales Wort über das Wagnis einer Live-Berlinale wird wohl erst nach ihrem Ende gesprochen werden können.

Dafür lässt sich schon etwas über den Eröffnungsfilm sagen: François Ozon steuerte seine Fassbinder-Hommage "Peter von Kant" bei, eine Variation von Fassbinders Theaterstück und Film "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" (1972). Ozon ist geprägt von Fassbinder, schon sein Frühwerk "Tropfen auf heiße Steine" (2000) basierte auf einer Fassbinder-Vorlage.
"Peter von Kant" zeichnet die Geschichte eines erfolgreichen Filmregisseurs nach: Dieser Peter von Kant (Denis Ménochet) behandelt seinen Assistenten Karl äußerst schlecht. Über die Schauspielerin Sidonie (Isabelle Adjani), seine frühere Muse, lernt er Amir kennen und verliebt sich. Amir soll bei ihm wohnen, und im Filmgeschäft will er ihn ordentlich voranbringen. Als Amir berühmt wird, verlässt er Peter, der völlig frustriert zurückbleibt.

Ozon inszeniert den beleibten Regisseur als Alter ego von Fassbinder, dem er mit Hannah Schygulla eine echte Fassbinder-Muse als Mutter zugedenkt. Denis Ménochet ist als Kant vortrefflich besetzt, der Film setzt nicht nur auf eine chic eingesetzte Kamera (Manuel Dacosse), sondern auch auf eine Extraportion Theatralik. Als Hommage an Fassbinder geht "Peter von Kant" geradlinige Wege, zugleich funktioniert der Film auch als allgemeingültiger Kommentar zu Liebesdingen und ihren Problemzonen. Trotz Kants drohendem Totalabsturz im Verlauf des Films gewinnt Ozon dem Stoff eine gewisse Leichtigkeit ab.

"Fassbinder hat mich mit seiner unerschöpflichen Energie schon immer fasziniert", sagt François Ozon. "Mit zunehmendem Alter verstehe ich seine Filme immer besser. Ich hatte die Eingebung, dass Fassbinders Vorlage in Wahrheit eine Art Selbstporträt gewesen ist, und die Geschichte darin eine seiner bittersten Liebesbeziehungen reflektierte. In der Figur des Peter von Kant liegen viele Aspekte der Wahrheit, zugleich war es mir wichtig, diese Aspekte auch auf Ironie und Verletzlichkeit hin zu überprüfen". Ozon ist dieses Remake mit umgekehrten Geschlechterrollen geglückt; der Eindruck, seinem Vorbild Fassbinder näher zu kommen, hat sich jedenfalls gefestigt.