Er nickt ihr nach einer schnellen Drehung aufmunternd zu, breitet seine Arme aus. Sie steht ihm in einigen Metern Entfernung gegenüber, nickt mit einem strahlenden Lächeln, nimmt Anlauf . . . und läuft . . . und läuft . . . und der Zuseher fiebert mit. Und . . . mit Schwung hebt der Tanzlehrer John seine Baby hoch über die Schultern, sie streckt und reckt ihre Beine und Arme . . . et voilà . . . Der Heber ist gelungen! Dazu die schnulzigen Klänge von "The Time of My Life". Die Zuseher freuen sich ebenso wie die Protagonisten. Zuvor hat man ja die vielen verunglückten Versuche im Wasser und auf der Wiese gesehen. Wer an dieser Stelle noch immer nicht "Dirty Dancing" mit Jennifer Grey und Patrick Swayze wiedererkannt hat, ist entweder viel zu jung oder besitzt schlichtweg eine Tanzfilmwissenslücke, die es nun zu füllen gilt.

Denn die Geschichte des Tanzfilms beginnt nicht erst 1987 mit diesem Kultfilm, sondern schon viel früher. Nämlich als die Bilder tanzen lernten, nämlich mit Fred Astaire als Pionier: 1933 gelang ihm nach fast 25 Bühnenjahren der Sprung vom Broadway nach Hollywood: In Frack, Zylinder und Gehstock erlebte er einen kometenhaften Aufstieg. Der herausragende Tänzer, der auch schauspielen konnte, schrieb dank seiner kongenialen Partnerinnen wie Ginger Rogers Film- und Tanzgeschichte. Spezielle Szenen eines Films wie "Tanz mit mir", "Dancing Lady" und "Top Hat" sind weniger in Erinnerung als sein eleganter swingender Gesamteindruck eines Gentleman. Anders als bei Gene Kelly, der in "Singin’ in the Rain" (1952) beflügelt von einem Kuss voller Freude mit Regenschirm durch die Pfützen tanzt und platscht und damit für immer in Erinnerung bleibt. Nicht zufällig befindet sich der Film (immer noch) auf der Bestenliste des Amerikanischen Filminstituts auf Platz 16.

Travolta, der Einzigartige

Der zeitliche Sprung in der Geschichte der Tanzfilmklassiker von Gene Kelly zum hüftschwingenden John Travolta mag wohl groß sein, aber zwischenzeitlich waren es eher verfilmte Musicals, wie "Kiss Me, Kate" (1953) oder die legendäre "West Side Story" (1961), die die Massen ansprechen. Musicals des Broadways zu verfilmen, wird auch in Zukunft immer wieder praktiziert - weiterhin mit Erfolg.

John Travolta, der Hollywood-Jungstar und Schönling, verhalf dem Tanzfilm in den 1970ern zu einem fulminanten Comeback und löste mit seinem weißen Anzug und weit aufgeknöpftem schwarzen Hemd ein regelrechtes Tanz- und Discofieber aus. 1977 in "Saturday Night Fever" begeisterte er im engen Lycra-Hemd, wenn er besonders lässig zur Musik der Bee Gees durch die Straßen von New York wippt. Seine Tanzbewegung, nämlich mit Hüftknick den rechten Arm zuerst auf die linke Hüfte zu richten und dann rechts über den Kopf zu strecken, ist bis heute ein Markenzeichen Travoltas und des Films geblieben. Mit diesem Streifen fand auch eine nur kurz andauernde Wende in der Thematik statt: Während man in den 40ern und 50ern lieber Liebesgeschichten vertanzte, zeigte Travolta den jungen Toni Manero und dessen Perspektivlosigkeit sowie die Lebensrealität Jugendlicher.

Mit dem Rock-’n’-Roll-Tanzfilm "Grease" (1978) konnte Travolta gemeinsam mit Olivia Newton-John ein weiterer unvergesslicher Hit gelingen, der bis heute in den Ohren klingt und nach bester Tanzfilm-Manier gute Laune verbunden mit Erinnerungen hervorruft. Dank der heutigen Streamingdienste wie Netflix, Amazon oder YouTube ist es möglich, diese Kindheitsflashbacks wieder wachzurufen und den Ohrwürmern mit lauter Stimme zu frönen. Und natürlich mitzutanzen, wenn schon die diesjährige Ballsaison wieder Corona zum Opfer fällt.

Ganz aus der Reihe tanzte in den 70ern übrigens "The Rocky Horror Picture Show" (1975): Die Kinofassung des Musicals von Richard O’Brien wurde zum Kultfilm und zum Kultmusical, das die Zuseher auch heute noch geschminkt und verkleidet gleich den Charakteren besuchen und beim "Time Warp" mittanzen lässt. Eine Horror- und Sci-Fi-Film-Persiflage, wie es keine zweite gibt.

Aerobic statt Discodance

Wenig später löste der Aerobic-Hype den Discodance mit seinen Protagonisten ab. In den 80er Jahren konnten speziell drei Filme große Erfolge feiern: "Flashdance" (1983), "Footloose" (1984) und vor allem eben "Dirty Dancing" (1987). Aber auch "A Chorus Line" (1985) mit Michael Douglas als Regisseur und Choreografen Zach, der acht Kandidaten für eine neue Broadway-Produktion auswählen muss, zählt zu den Tanzfilmklassikern. Das Ausleseverfahren, dem sich die Tänzerinnen und Tänzer unterziehen müssen, ist extrem hart und spiegelt die Realität wider.

Es schien, als würde der Tanzfilm endgültig in den Archiven verschwinden, bis im Jahr 2000 "Center Stage" in die Kinos kam. Eine übliche Ballettkarriere wurde hier nicht ohne Pathos präsentiert. Und mit "Moulin Rouge" (2001) mit Nicole Kidman und Ewan McGregor in den Hauptrollen, meldete sich der Tanzfilm unübersehbar und -hörbar in einer thematischen Mischung aus "La bohème", "La traviata" und "Orpheus in der Unterwelt" zurück. Als Musik verwendet Regisseur Baz Luhrmann musikalische Zitate aus bekannten Musikstücken der Popkultur. Auch "Chicago" (2002) zählt zu den gigantisch opulenten Musical-Verfilmungen, wie sie Amerika liebt: Immerhin erhielt die Produktion - mit Catherine Zeta-Jones, Richard Gere, Renee Zellweger und Queen Latifah - sechs Oscars.

Erwähnenswert ist in den darauffolgenden Jahren eigentlich nur "Hairspray" (2007) und "Burlesque" (2010), das mit Starsängern aufwartete: Christina Aguilera und Cher zeigten viel Stimme und Tanz mit wenig Inhalt. Ein immerwährendes Problem der Tanzfilme. Sie bewegten sich in den letzten Jahren meistens zu Hip-Hop-Beats und/oder spielten auf der Straße. Oft duellieren sich dabei unterschiedliche Tanzstile oder deren Performer. Gut gegen Böse oder Streetdance gegen Ballett vielleicht. Bleibenden Eindruck haben die wenigsten dieser Filme hinterlassen. "Center Stage" (2000) oder "Step Up" (fünf Filme und eine TV-Serie) lockten dennoch mehrere Millionen Zuseher an. Die Kassen der Produzenten klingelten. Immerhin.

Interesse ist ungebrochen

Erst der Ballett-Thriller "Black Swan" (2011) von Darren Aronofsky mit Natalie Portman ragt wieder aus dem Meer der jahrelangen inhaltslosen Jugendfilm-Durststrecke heraus. Und schließlich: "La La Land" (2016). Darin tanzen die Hollywoodstars Emma Stone und Ryan Gosling zwar technisch nicht so perfekt wie Ginger Rogers und Fred Astaire, aber dennoch sechs Oscars wert. Weltweit spielte der Film rund 446 Millionen US-Dollar ein und ist somit eines der erfolgreichsten Filmmusicals aller Zeiten. Das Interesse an heutigen Astairs, Rogers und Kellys tanzend in Filmen, die eben mehr als Bewegung zur Musik zu bieten haben, scheint ungebrochen. Wie auch die diesjährigen Oscar-Nominierungen mit dem bilderstarken Spielberg-Remake von "West Side Story" und der Musical-Adaptierung von "Tick, Tick . . . Boom!" von Lin-Manuel Miranda zeigen.

Hollywood, an die Arbeit!