Schon lange war der international erfolgsverwöhnte österreichische Film bei großen A-Festivals nicht so geballt präsent wie dieses Jahr bei der 72. Berlinale in Berlin: Gleich fünf Produktionen aus heimischer Manufaktur laufen im offiziellen Programm, und allesamt sind diese Filme zumindest eine eingehendere Betrachtung wert; allen voran Ulrich Seidls neuer Spielfilm "Rimini", der erste Film des Wiener Regisseurs ("Hundstage") seit sechs Jahren, er läuft im Wettbewerb.

Seidl bleibt seinem Stil treu, aber es gibt in "Rimini" auch Nuancen, die den Film in Seidls Oeuvre woanders verorten als vielleicht vermutet. Seine Hauptfigur, ein einstiger Schlager-Barde namens Richie Bravo (Michael Thomas), hat seine besten Zeiten lange hinter sich; zwar legt er bei seinen Auftritten im winterlichen Rimini Wert auf sein Äußeres, doch seine Erscheinung sieht eher nach dem späten Elvis aus, der seine Wampe mit viel Schweiß auf der Stirn in den Glitzer-Anzug presst. Nach seinen Auftritten vor dem durchwegs betagten, weiblichen Publikum fischt er in Gastgeberlaune und entsprechendem Grappa-Odeur nach Komplimenten, die er auch zahlreich erhält, etwa von einer Dame (Inge Maux), die sich ihr Fanheft auf dem Dekolleté signieren lässt. Amouröse Dienstleistungen an derlei Damen sorgen für eine Aufbesserung seines Salärs, und das alles filmt Seidl in der von ihm perfektionierten Zentriertheit; er outet den Selbstdarsteller Richie Bravo aber auch als Mensch, der eigentlich Gutes im Sinne hat und auch Umgangsformen beherrscht; ein Ungustl ist dieser Richie also nicht, zumindest die meiste Zeit. Als seine Tochter in Rimini auftaucht und für sich und die Mutter Geld von Richie fordert, das dieser aber nicht hat, werden die Dinge für ihn und die lange Zeit geschasste Familie kompliziert.

Empathische Zärtlichkeit

Casting: Männer in Ruth Beckermanns "Mutzenbacher". - © Ruth Beckermann Filmprod.
Casting: Männer in Ruth Beckermanns "Mutzenbacher". - © Ruth Beckermann Filmprod.

Seidl hat "Rimini" bereits 2017 gedreht, für die Nachbearbeitung nimmt sich der Regisseur aber traditionell gerne jede Zeit der Welt; das schlägt sich im Fall von "Rimini" in Zwischentönen nieder, die man Seidl vielleicht vorderhand nicht zutrauen würde. Seinem Protagonisten schreibt Seidl in all seiner Verzweiflung auch eine gewisse Zärtlichkeit ein. Das hat Empathie zur Folge, eine Eigenschaft, die eigentlich viele Seidl-Figuren ausstrahlen, aber nie war der Regisseur näher dran an einer seiner Hauptfiguren. Dass Richie Bravo Besuche gegen Geld bei faltigen Damen macht und dass ein weiterer Strang seinen demenzkranken Vater beim Singen von faschistischem Liedgut zeigt, laufen dieser humanistisch angelegten Figur nicht zuwider.

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Die Berlinale verbietet es den Medienvertretern, vor der Weltpremiere ihrer Filme Kritiken zu veröffentlichen. Dieses Embargo umfasst zum heutigen Tag noch drei der heimischen Filme, die in Berlin erst in den nächsten Tagen vom Stapel laufen: Etwa Ruth Beckermanns "Mutzenbacher", eine intensive Beschäftigung der Regisseurin mit dem historischen Roman "Josefine Mutzenbacher", der 1906 anonym erschien und sich mit den Erfahrungen einer Wiener Prostituierten befasste, die vor allem über ihre Kinder- und Jugendtage "Auskunft" gab. Beckermann konfrontierte Männer in einer Casting-Situation mit Textstellen aus dem Buch, was zu einigermaßen überraschenden Erkenntnissen führt.

Der erste Langspielfilm von Kurdwin Ayub, "Sonne", produziert von Ulrich Seidl, hat erst am Samstagabend Premiere: Es geht darin um drei Freundinnen, die ein Burka-Musikvideo drehen: Yesmin ist Kurdin und trägt Kopftuch, Bella nennt sich eine "Halbjugo(slawin)", Nati "kommt aus Österreich". Durch Umstände wird das Video viral ein Hit, die drei werden berühmt. Nur die Werte der Freundinnen passen plötzlich nicht mehr zueinander. Zwischen Patriotismus und Social-Media-Trugbild entfaltet sich ein Panoptikum, das die Frage klärt, was Zugehörigkeit eigentlich bedeutet.

Der argentinische Regisseur Gastón Solnicki nimmt in "A Little Love Package" das Rauchverbot in der Wiener Gastronomie ab 2019 zum Ausgangspunkt, über Heimat und seine Beziehung zu Wien nachzudenken. Der Film will viel Atmosphäre zeigen, anstatt eine lineare Geschichte zu erzählen. Durchzogen ist er von der Erzählung von Angeliki, die versucht, mithilfe ihrer Innenarchitektin Carmen eine Wohnung in Wien zu kaufen, was Fragen nach Heimat und Verwurzelung aufwirft.

Constantin Wullf widmet sich in seinem Dokumentarfilm mit großer Genauigkeit der Frage, wie die Corona-Pandemie den Wert von Arbeit verändert hat. "Für die Vielen - Die Arbeiterkammer Wien" (zu sehen im "Forum") ist ein Porträt dieser Organisation, die für die Sorgen der Arbeiter kämpft. Dieser Film fällt nicht mehr unters Embargo, da er bereits hier zu sehen war. Man darf also werten: Es ist eine feinfühlig umgesetzte Annäherung an die Helden der Arbeit.