Großen Spaß macht ein Filmfestival nicht, das auf Sparflamme ausgetragen wird; die Berlinale fährt heuer im Schongang durch die Omikron-Welle, ein richtiger Austausch zwischen den Besuchern findet nicht statt. Was den Vorteil hat, dass man sich auf das Sichten des Programms konzentrieren kann. Ulrich Seidls Beitrag "Rimini" wurde mit freundlichen Kritiken bedacht (die "Wiener Zeitung" berichtete), ein bisschen euphorischer war man nach Kurdwin Ayubs "Sonne", und auch Ruth Beckermanns "Mutzenbacher" erregte die Aufmerksamkeit des Publikums. Der österreichische Film hat bei dieser Berlinale gute Voraussetzungen, am Ende auf den vordersten Rängen zu landen, um in der aktuell beliebten Olympia-Sprache zu bleiben.

Drogenkrieg in Mexiko

Aber es gibt durchaus Konkurrenz aus dem Weltkino. Der mexikanische Wettbewerbsbeitrag "Robe of Gems" von Natalia López Gallardo ist ein ruhiger Fluss von einer Erzählung, die von der Übernahme eines Hauses durch Isabella und ihre Familie berichtet. Hier, im ländlichen Mexiko, treffen sie auf ihre frühere Hausangestellte Maria, deren Schwester verschwunden ist. Alle Figuren in diesem sehr gemächlich inszenierten Episodenfilm trauern einem Verlust nach. Das große Überthema sind Mexikos Drogenkrieg und seine fatalen Auswirkungen auf direkt und indirekt Betroffene. Die Regisseurin erzählt mit reduzierten Mitteln von Macht, Terror und der Wichtigkeit von Familienzusammenhalt vor dem Hintergrund einer männerdominierten Welt.

Eine Familie steht auch im Mittelpunkt von "La Ligne" der Schweizerin Ursula Meier, mit dem Unterschied, dass hier die Fetzen fliegen: Margaret (Stéphanie Blanchoud) gerät mit ihrer Mutter (Valéria Bruni-Tedeschi) in einen wütenden Streit, und Meier filmt diese Eröffnungsszene ihres Dramas mit einer ungeheuren Wucht und Intensität, gerät dabei in eine Steigerung, die der Film später nie mehr erreicht. Margaret erhält ein Kontaktverbot, weil ihre Wutausbrüche immer intensiver werden; eine blaue Linie markiert den Abstand, den Margaret zum Haus der Mutter halten muss. Es ist für sie eine schier unüberwindbare Grenze. Durch die Wegweisung steigert sich Margarets Verlangen nach einer intakten Familien-Konstellation aber immer mehr.

Der Kambodschaner Rithy Panh schickt eine dystopische Fabel in den Wettbewerb: Die erstarkte Tierwelt unterwirft die Menschheit und übernimmt die Macht. In "Everything Will Be Ok" wird es genau das nicht: Nichts wird o.k. sein, zumindest nicht für die Menschheit. Der Film entpuppt sich schnell als schwer überladene Schlacht, die mit Metaphern nur so um sich wirft, aber visuell immerhin durch sein handgeschnitztes Figurendesign auffällt.

Zu Unrecht in Guantanamo

In "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" von Andreas Dresen tut sich mit Hauptdarstellerin Meltem Kaptan eine erste Favoritin auf den Darstellerpreis hervor: Sie spielt Rabiye Kurnaz, eine einfache Frau, die gegen einen ganzen Staat in den Ring steigt: Weil ihr Sohn Murat kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 des Terrorismus bezichtigt und ins Gefangenenlager Guantanamo verfrachtet wird, will die Deutschtürkin mit einem Menschenrechtsanwalt vor Gericht gegen die USA ziehen. Dresen inszeniert diese wahre Geschichte mit der Botschaft, dass jeder alles erreichen kann; das ist vielleicht ein wenig naiv, aber sehr wirkungsvoll umgesetzt.

Ein anderer deutscher Film darf sich mit dem Titel "leichtfüßig" schmücken: Nicolette Krebitz hat mit "A E I O U - Das schnelle Alphabet der Liebe" eine generationenumspannende Lovestory gedreht: Ein jugendlicher, schwer integrierbarer Dieb stiehlt der Schauspielerin Anna (Sophie Rois) die Handtasche. Als sie ihn kurze Zeit später wiedertrifft, weil er bei ihr Sprachunterricht bekommen soll, entspinnt sich zwischen den ungleichen Menschen eine ernst zu nehmende Liebelei mit ungeahnten Folgen. Das ist witzig und anders und doch: eine sehr heutige Form, sich mit der Liebe zu befassen.