Die Britin Andrea Arnold dreht meist Spielfilme, die von angeschlagenen Mutter-Tochter-Beziehungen handeln. Mit ihrem ersten Dokumentarfilm "Cow" tut sie in diesem Genre im Prinzip dasselbe: Jedoch heißt die Mutter in diesem Fall Luma und ist eine Kuh. Ihre Töchter sind Kälber, die mit großer Eile von der Mutter gerissen werden, weil das eben so ist in der Nutztierhaltung.

"Cow" ist beileibe nicht der erste Film, der besagt, dass industrielle Landwirtschaft und Tierschutz nicht zusammenpassen. Aus Österreich gibt es da mit Nikolaus Geyrhalters "Unser täglich Brot" ein hervorragendes Beispiel. Aber Arnolds Film fokussiert mehr auf die intime Verbindung der Tiere und auf die Gefühle zwischen ihnen; etwas, das man in anderen Dokus kaum zu sehen bekommt. Arnold nimmt ihre Kühe als emotionale Wesen wahr.

Mit der Kuh auf Augenhöhe

Zugleich ist Arnold erstaunlich explizit in der Darstellung von dem, was sie erzählt: Hier ist nichts geschönt, alles wackelt dank der permanenten Handkamera, die stets auf der Augenhöhe der Tiere verweilt. Die Regisseurin zwingt den Zuschauer, die Welt mit den Augen einer Milchkuh wahrzunehmen, mit den immer gleichen Ritualen rund ums Melken, mit den wenig einladenden Stallbedingungen im flackernden Neonlicht. Aber auch für die Milchkühe gibt es Freuden: Dann nämlich, wenn sie im Frühling endlich auf die Weide gelassen werden. Bis dahin war in dem Film kein grüner Grashalm zu sehen, doch jetzt füllen sich die trüben Augen der Kühe plötzlich mit Leben.