"Alcarras" von Carla Simón gewann den Hauptpreis der Berlinale: Die spanische Produktion wurde am Mittwoch Abend in Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Darin geht es um eine Familie, die jeden Sommer auf ihrer Pfirsichplantage im katalonischen Alcarràs verbringt: Doch die diesjährige Ernte könnte die letzte sein. Solarpaneele sollen die Bäume ersetzen und es droht die Zwangsräumung. Ein einfühlsam komponiertes Drama, eine Überraschung, und auch wieder nicht: Der Film ist durchaus preiswürdig. Die 36-jährige Filmemacherin Simón zeigte sich in ihrer Dankesrede als treue Verfechterin des Festivals: "Ich fühle mich wie ein Kind der Berlinale. Vielleicht sollte ich hierher ziehen."

Aus heimischer Sicht wurde die 72. Berlinale bei der Preisverleihung zum Triumph für das österreichische Filmschaffen: Die Wiener Filmemacherin Ruth Beckermann war Abräumerin in der Sektion "Encounters": Die 70-jährige Regisseurin gewann für ihr Dokuprojekt "MUTZENBACHER" den Hauptpreis dieser 2020 neu geschaffenen Wettbewerbsschiene. Der Film, in dem Beckermann mit rund 75 Männern über deren Sexualität und das Buch "Josefine Mutzenbacher" spricht, beeindruckt vor allem durch seine eindringliche Auseinandersetzung mit Fragen zur Sexualität. "Das ist so unglaublich unerwartet für mich", zeigte sich Beckermann überwältigt. Nachdem sie in den vergangenen Jahren zunehmend den Eindruck gehabt habe, dass die Welt kleiner werde, würden nun wieder die Horizonte geöffnet, wenn nicht mehr nur die einzelnen Gruppen sich selbst beleuchteten, sondern etwa Männer auf Frauen und Frauen auf Männer blicken würden.

Kurdwin Ayub wurde für den besten Erstlingsfilm ausgezeichnet.  
- © afp/Uta Tochtermann

Kurdwin Ayub wurde für den besten Erstlingsfilm ausgezeichnet. 

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Auch der Nachwuchspreis (dotiert mit 50.000 Euro!) geht nach Österreich: Die 31-jährige Kurdwin Ayub erhielt den Preis für den besten Erstlingsfilm für ihren Spielfilm "Sonne", ein Drama über drei junge Frauen in der österreichischen Hauptstadt, die auf Social Media in die Schusslinie eines Shitstorms geraten. "Das ist so cool!", freute sich Ayub auf der Bühne im Berlinale-Palast über die Ehrung und zeigte sich gleich pragmatisch: "Ich hoffe, die Steuern nehmen mir nicht das Geld weg. Aber ich glaube, Österreich ist da eh cool."

Die Gewinnerin des Goldenen Bären, Clara Simòn (2.v.r.), liebkost mit ihrem Filmteam bei der Preisverleihung ihre Trophäe. 
- © afp/Uta Tochtermann

Die Gewinnerin des Goldenen Bären, Clara Simòn (2.v.r.), liebkost mit ihrem Filmteam bei der Preisverleihung ihre Trophäe.

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Die Bilanz für das heimische Kino ist positiv, Ulrich Seidls Film "Rimini" ging im Wettbewerb allerdings leer aus. Den dritten Preis in Folge, den Großen Preis der Jury, erhielt dafür der Südkoreaner Hong Sangsoo, diesmal für sein schwarzweißes Drama "The Novelist's Film". Den Jury-Preis erhielt "Robe of Gems" von Natalia López Gallardo (die "Wiener Zeitung" berichtete).

Die Französin Claire Denis bekam für "Avec amour et acharnement" den Preis für die beste Regie. 
- © afp/Astrid Vellguth

Die Französin Claire Denis bekam für "Avec amour et acharnement" den Preis für die beste Regie.

- © afp/Astrid Vellguth

Wie erwartet wurde die türkischstämmige deutsche Kabarettistin Meltem Kaptan für Andreas Dresens "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" mit dem Darstellerpreis der Berlinale geehrt: "Ich kann das nicht glauben, ich werde Wochen brauchen, um das zu realisieren", sagte sie in ihrer emotionalen Dankesrede. Im Film spielt sie die reale Figur der Rabiye Kurnaz, die fünf Jahre dafür kämpfte, ihren unschuldig in Guantanamo einsitzenden Sohn frei zu bekommen. 

Als beste Regisseurin wurde im Berlinale-Palast die Französin Claire Denis für ihr Drama eines Liebesdreiecks, "Avec amour et acharnement", mit einem Silberbären gewürdigt. Das Regieführen mit einem Ensemble, zu dem Größen wie Juliette Binoche oder Vincent Lindon gehören, sei einfach, zeigte sich die 75-Jährige bescheiden.

"Für einen Festivaldirektor ist jeder Film so etwas wie sein Kind", zollte der künstlerische Leiter der Berlinale, Carlo Chatrian, allen 256 Werken der heurigen Ausgabe seinen Respekt. Das Festival ist nicht vorüber, sondern hängt an die vorgezogene Preisverleihung noch vier Publikumstage dran.