Gleichheit in allen Bereichen: Die Berlinale ist stolz darauf, die Geschlechterparität bei ihrem Festival hergestellt zu haben, oder zumindest: alle bewegbaren Hebel in Kraft gesetzt zu haben, diese zu erreichen. Und so stammten bei der 72. Festivalausgabe ganze 41 Prozent der Filme von Frauen, 52 von Männern und der Rest von Menschen, die sich nicht näher zu Geschlechterfragen geäußert haben. Hinzu kommen die Auswahl-Gremien der Filmsektionen, die mehrheitlich in weiblicher Hand lagen. Das schlägt sich auch auf die Filme nieder: Ganze 15 weibliche Hauptfiguren gab es im Programm der Hauptauswahl, hingegen nur acht männliche.

Denkt man das konsequent weiter, schlägt sich das auch auf die Preise nieder - und zwar so: Die Jury um ihren Präsidenten M. Night Shyamalan vergab von den zusammen 15 Berlinale-Preisen insgesamt zehn an Frauen, vier an Männer und einen an ein Künstler-Kollektiv. Es gibt sie also, die gelebte Gender-Parität, und die Berlinale ist hier sicher eine Vorreiterin. In Cannes und Venedig ist man noch nicht ganz so weit.

Die 31-jährige Österreicherin Kurdwin Ayub wurde für den besten Erstlingsfilm ("Sonne") prämiert. - © afp / Uta Tochtermann
Die 31-jährige Österreicherin Kurdwin Ayub wurde für den besten Erstlingsfilm ("Sonne") prämiert. - © afp / Uta Tochtermann

Frauen gewinnen

Aber wie schon im Vorjahr in Cannes Julia Ducournau für "Titane" und in Venedig Audrey Diwan für "L’evenement" die güldenen Hauptpreise gewannen, setzt sich dieser Trend auch in Berlin fort. Der Goldene Bär für "Alcarràs" der Spanierin Carla Simón erzählt von einer Familie, die jeden Sommer auf ihrer Pfirsichplantage im katalonischen Alcarràs verbringt: Doch die diesjährige Ernte könnte die letzte sein. Solarpaneele sollen die Bäume ersetzen und es droht die Zwangsräumung. Ein einfühlsam komponiertes Drama, eine Überraschung, und auch wieder nicht: Der Film ist durchaus preiswürdig, weil er Generationenkonflikte ebenso verhandelt wie Aspekte des Vertriebenseins. Umbrüche gibt es in unserer Zeit genug, und "Alcarràs" ist wie eine Art Seismograph, der diese Umbrüche verbildlicht. Trotzdem ist der Film von positiver Energie bestimmt; ein spanischer Sommer kann bei dieser großen Familie nur Glücksgefühle erwecken, auch, wenn man darum weiß, was danach kommt: ein Auseinanderreißen der Familie, ein tristes Ersetzen der Bäume durch Solaranlagen. Da endet etwas, und zwar für immer. Das ist ein gleichermaßen von Wehmut und Wonne durchzogener Film.

Heimische Triumphe

Für das österreichische Filmschaffen ist die Berlinale schon lange ein guter Boden, und das ist auch 2022 so: Denn gleich zwei heimische Produktionen dürfen sich über prestigeträchtige Auszeichnungen freuen, wenngleich Ulrich Seidls Wettbewerbsbeitrag "Rimini" am Ende leer ausging. Dafür konnte der von Seidl produzierte Spielfilm "Sonne" von Kurdwin Ayub (die "Wiener Zeitung berichtete) den Preis für das beste Erstlingswerk abräumen. Die junge Wiener Regisseurin quittierte das Preisgeld von 50.000 Euro mit den Worten: "Ich hoffe, die Steuern nehmen mir nicht das Geld weg. Aber ich glaube, Österreich ist da eh cool."

Und auch Ruth Beckermann - in Berlin liebt man ihre dokumentarischen Arbeiten - darf sich freuen: Ihre Doku "Mutzenbacher", die sie in der Sparte "Encounters" präsentiert hatte, gewann den Hauptpreis der seit 2020 existierenden Sektion. Die 70-jährige Regisseurin setzt sich in dem Film mit dem Roman "Josefine Mutzenbacher" auseinander und lässt 75 Männer vor ihrer Kamera dazu Stellung beziehen. Ein interessantes und überaus kurzweiliges Experiment mit überraschenden Einblicken in die Sexual-Moral einer weiblich betrachteten Männlichkeit, was wiederum zum Spannungsabbau zwischen den Geschlechtern beitragen könnte. Die Preise für den österreichischen Film sind jedenfalls ein starkes Ausrufezeichen heimischer Künstlerinnen.

Daneben verteilte die Berlinale weitere Trophäen: Den dritten Preis in Folge, den Großen Preis der Jury, erhielt heuer der Südkoreaner Hong Sangsoo, diesmal für sein schwarzweißes Drama "The Novelist’s Film". Der Jury-Preis ging an "Robe of Gems" von Natalia López Gallardo. Der Silberne Bär für die beste Nebenrolle wurde Laura Basuki im indonesischen Frauendrama "Nana" von Kamila Andini zugesprochen.

"Ich kann das nicht glauben"

Wie erwartet wurde die türkischstämmige deutsche Kabarettistin Meltem Kaptan für Andreas Dresens "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" mit dem Darstellerpreis der Berlinale geehrt: "Ich kann das nicht glauben, ich werde Wochen brauchen, um das zu realisieren", sagte sie in ihrer emotionalen Dankesrede. Im Film spielt sie die reale Figur der Rabiye Kurnaz, die fünf Jahre dafür kämpfte, ihren unschuldig in Guantanamo einsitzenden Sohn freizubekommen. Laila Stieler erhielt für den Film außerdem die Auszeichnung für das beste Drehbuch. Und auch bei den Regisseuren siegte eine Frau: Die Französin Claire Denis wurde für ihre Dreiecksgeschichte "Avec amour et acharnement" mit einem Silberbären gewürdigt. Vor ihrer Kamera lieben sich Juliette Binoche und Vincent Lindon.

Bleibt die Frage nach der Bilanz der Corona-Berlinale, die lediglich in 50-prozentiger Saalauslastung stattfinden durfte. Zwar hatte man hier etliche Corona-Fälle zu verzeichnen, und auch Stargast Isabelle Huppert war darunter. Aber durch die straffe Organisation und die tägliche Testpflicht ist man glimpflich davongekommen. Und hat außerdem noch ein bisschen Nachspielzeit. Denn die verkürzte Berlinale für Fachbesucher bringt bis Samstag zusätzliche Spieltage für das Berliner Publikum.