Gewalt ist eine Lösung. Wenn das Rechtssystem versagt, greife zur Selbstjustiz. Schlag immer als Erster zu. Das sind die drei Grundregeln jener Kultfigur, die der gebürtige Brite James Dover Grant alias Lee Child (67) vor genau 25 Jahren als uramerikanischen Actionhelden erfunden hat: Jack Reacher.

Zum Jubiläum gibt es jetzt die erste Verfilmung, die dem eigenbrötlerischen Ex-Militärpolizisten mit 125 Kilo Kampfgewicht auf 1,98 Meter wirklich gerecht wird. Amazon Video erzählt "Größenwahn" (1997), den ersten von bisher 26 Reacher-Bänden, mit einem Hauptdarsteller, der nicht nur auf den ersten, sondern auch auf den zweiten und dritten Blick überzeugt: Alan Ritchson hat neben den richtigen Proportionen (dass er in echt nur 1,88 Meter groß ist, wird gekonnt kaschiert) auch das arrogante Gehabe eines Mannes drauf, der weiß, dass er nicht nur recht hat, sondern dass er auch in jedem Streit darüber die Oberhand behalten wird.

Reachers Verständnis von Gerechtigkeit ist freilich mehr als fragwürdig. Denn für den Einzelgänger, der in den Büchern stets irgendeinen Greyhound ins Hinterland besteigt und dort, wo er zufällig landet, örtlichen Kriminellen in die Quere kommt, ist es zum Beispiel auch völlig legitim, Vergewaltiger in deren eigenem Auto gefesselt auf einem Bahnübergang abzustellen. Und die beste Verteidigung ist für ihn eben der vernichtende Erstschlag: "Clevere Menschen kamen mit einer Schusswaffe zu einer Messerstecherei. Reacher brachte eine Wasserstoffbombe mit."

Das Zitat stammt aus der Kurzgeschichtensammlung "Der Einzelgänger", in der auch die Kindheit des als Sohn eines US-Soldaten in Deutschland geborenen Veteranen erzählt wird. Einiges davon lässt der Amazon-Serienautor Nick Santora ("Prison Break") nun in "Reacher" einfließen. Ansonsten bleibt er weitgehend sehr nahe an der Buchvorlage, bis auf ein paar Ausschmückungen hier und da, ein paar Figuren, die er noch dazu erfunden hat. Das gilt auch fürs große Bumm-Bumm-Finale, das eigentlich gar nicht Reacher-mäßig ist, weil das Original aus den Büchern es erst gar nicht so weit kommen ließe. Da wird der Feind (auch von hinten) niedergestreckt, bevor er überhaupt an einen Angriff denken kann.

Trotzdem überzeugt "Reacher" auf ganzer Linie. Das fängt beim Titel an, der - im Gegensatz zu den eher schwachen Kinofilmen mit dem Zniachtl Tom Cruise (2012 und 2016) - den Vornamen weglässt, den nicht einmal Reachers einzige Vertrauensperson aus Army-Zeiten, Frances Neagley (Maria Sten), benutzt. Dass diese in der Verfilmung von Band 1 auftaucht, obwohl sie in der Reihe erst ab Band 6 ("Tödliche Absicht") vorkommt, sorgt für Spekulationen darüber, welches Buch wohl in der bereits angekündigten zweiten Staffel verfilmt wird.

Pointierte Dialoge

Eine Fortsetzung hat sich neben Hauptdarsteller Ritchson auch Serienautor Santora verdient, der Childs lakonischen Erzählstil gekonnt in Filmszenen und -dialoge fasst. Zum Beispiel gleich zu Beginn, als Reacher im (fiktiven) Margrave in Georgia wegen Mordverdachts verhaftet und aufs Polizeirevier gebracht wird: "Kabelbinder?" - "Die Handschellen waren zu klein." (Er wird ihn übrigens ohnehin später selbst zerreißen.) Oder kurz darauf im Gefängnis nach dem ersten Fight in der Serie: "Sie sollten etwas essen, Sie sehen furchtbar aus." - "Schließlich war ich Zeuge, wie Sie einem Mann das Auge ausgestochen haben." - "Er hat angefangen." Reacher selbst kaut dabei genüsslich sein Sandwich.

Man mag sie oder eben nicht, diese intellektuelle Kampfmaschine, die der frühere TV-Mitarbeiter Child in einer Phase der Arbeitslosigkeit aus schierer Geldnot erfunden, zu Papier gebracht und dann weiterentwickelt hat (neuerdings gemeinsam mit seinem Bruder Andrew). Wie eine Ein-Mann-Armee zieht der mit etlichen militärischen Orden dekorierte Veteran durch seine Bücher, eine unaufhaltsame Dampfwalze, dabei aber nicht nur brutal, sondern auch sehr belesen. Und Reacher war ein begnadeter Ermittler bei der Army. Als solcher erklärt er auch gleich einmal dem örtlichen Chief Detective Oscar Finlay (Malcolm Goodwin) nicht nur, warum er nicht der gesuchte Täter sein kann, sondern auch noch, nach wem er fahnden sollte.

James Dover Grant alias Lee Child, Jack Reachers Schöpfer und seit 2020 ein Commander of the Order of the British Empire. - © afp / Victoria Jones
James Dover Grant alias Lee Child, Jack Reachers Schöpfer und seit 2020 ein Commander of the Order of the British Empire. - © afp / Victoria Jones

Nach einer Viertelstunde ist der Hauptverdächtige quasi Teil des Ermittlerteams, erst auf eigene Faust, dann gemeinsam. Geht es ihm zunächst darum, seine Unschuld zu beweisen, wird es bald kompliziert - und persönlich. Denn eine zweite Leiche taucht auf: sein Bruder Joe. Reacher kennt jetzt kein Halten mehr: "Ich will Rache, Gerechtigkeit, Vergeltung. Ich will die ganze Gang."

Ihm zur Seite steht dabei neben Finlay dessen Kollegin Roscoe Conklin (Willa Fitzgerald), und angesichts des Knisterns und der pointierten Dialoge zwischen den beiden ab der ersten Minute wartet man nur darauf, dass sie in der Kiste landen, wenn auch nur für eine Nacht. Auch das ist wieder so ein klassisches Reacher-Ding: Er ist nicht nur schwer in die Zivilgesellschaft integrierbar, sondern auch bindungsunfähig. Dazu passt, dass er außer einer Zahnbürste nichts besitzt, nicht einmal ein Handy, und seine Kleidung nicht wäscht, sondern wegwirft und im Second-Hand-Laden neue kauft. Bei aller Raubeinigkeit ist er aber der vollendete Gentleman. Und er beschützt die Schwachen gegen die Starken.

Die große Verschwörung in Margrave ist ihm aber beinahe eine Nummer zu groß. Denn Reacher schaltet zwar etliche Gegner eiskalt aus, muss aber diesmal auch ungewöhnlich viel einstecken. Dass er sich dabei als unverwüstlich erweist, passt dafür wieder ins Schema. Allerdings ist das Cornetto Ritchson insgesamt vielleicht eine Spur zu cool und glatt: Die rasierte Brust passt nicht so ganz zu der Figur, die man aus den Büchern kennt.

Vielleicht ein bisschen zu cool und zu glatt: Roscoe Conklin (Willa Fitzgerald) bewundert Reachers (Alan Ritchson) rasierte Brust. - © Amazon
Vielleicht ein bisschen zu cool und zu glatt: Roscoe Conklin (Willa Fitzgerald) bewundert Reachers (Alan Ritchson) rasierte Brust. - © Amazon

Faszination Faustkampf

Auch der verhältnismäßig starke Gebrauch von Schusswaffen im Verhältnis zum Faustkampf fällt auf. Bei Letzterem geht vor der Kamera einiges von dem verloren, was auch für Nicht-Schlägertypen den Reiz der Reacher-Bücher ausmacht: Child, der übrigens fast so groß wie sein Titelheld ist, beschreibt oft seitenlang jede Drehung, jeden Griff, jeden Schlag, warum und wie Reacher ihn genau so ausführt und nicht anders. Auf dem Bildschirm ist es binnen Sekunden vorbei. Außer eben beim recht hollywoodesken finalen Endkampf nach sechseinhalb Stunden, die durch die Dichte des Plots kaum Längen aufweisen. Neben sehr viel Gewalt gibt es bei Reacher auch sehr viel Handlung.

Insgesamt tut es der Serie jedenfalls gut, dass sie mit erfahrenen Schauspielern, aber nicht mit Topstars besetzt wurde. Hier haben die Figuren jeweils ihre Darsteller gefunden und nicht umgekehrt, wie es bei den Kinofilmen der Fall war. Und sogar einen Cameo-Auftritt wie in den beiden Kinofilmen für den Buchautor gibt es (bei Minute 44:35 in Folge 8 rempelt ein älterer Mann Reacher im Diner - die Leistung des Kamerateams besteht darin, dass der 1,93 Meter große Child kleiner als der 1,88 Meter große Ritchson wirkt). Man darf auf weitere Reacher-Action bei Amazon gespannt sein.