In Hollywood gibt es viele Regeln, die man brechen darf, aber auch solche, die man lieber unangetastet lässt. Dazu gehört zum Beispiel die Regel von der Erzählung der immer gleichen Geschichte, abgewandelt nur in der Sprache, die die aktuelle Generation von Kinogängern eben versteht. Die Batman-Franchise befolgt diese Regel ziemlich genau, denn in den letzten drei Jahrzehnten wurde sie gleich drei Mal neu gestartet: 1989 löste Tim Burtons "Batman" die vielleicht hysterischste Vorfreude der Filmgeschichte aus, die man ob der fiebrigen Erwartung der Fans "Batmania" taufte. Niemals vorher und nie mehr danach wurden seitens eines klugen Marketingkonzeptes die Erwartungen auf einen Film derartig geschürt. Das Glück war: Der Film konnte die Erwartungen nicht nur einlösen, sondern sogar übertreffen, auch dank Jack Nicholsons abgrundtief bösen, aber auch launigen Jokers und Tim Burtons Hang zur Grusel-Komik. Auf diese innerhalb der Comicverfilmungen legendäre und bahnbrechende Produktion folgten bis 1997 vier weitere Filme, ehe es stiller wurde um Batman. Die aktuelle Kinogeneration war "durch", die Filme wurden immer schwächer.

"The Batman": Neustart für Generation TikTok

Der nächste Reboot begann 2005 mit "Batman Begins" und umfasste außerdem die Filme "The Dark Knight" (2008) und "The Dark Knight Rises" (2012). In der von Christopher Nolan inszenierten Trilogie war Batman dunkler, härter und realistischer gezeichnet worden, genau wie in den Comics, die zu jener Zeit erschienen. Noch mehr Angstpsychologie, noch mehr Vielschichtigkeit und Tiefe. Erzählt wird auch hier - wie schon in "Batman" - die Genese des Helden: Wie er den Mord an seinen Eltern nach einem abendlichen Theaterbesuch miterleben musste und wie er im riesigen Wayne Manor aufwuchs, gehegt von seinem Butler Alfred Pennyworth (hier spielte Michael Caine diese Rolle), der ihm in allen Belangen bis heute regelmäßig den Arsch rettet, wenn dieser auf Grundeis geht. Das Publikum war ein neues, und deshalb wurden die Filme große Erfolge, wie es ja die Hollywood-Regel besagt.

Jetzt steht die Batman-Franchise vor dem dritten Neustart: Mit Matt Reeves steigt ein spektakelerfahrener Regisseur in den Ring, von ihm stammte unter anderem "Planet der Affen: Survival" (2017). Er hat Batman verjüngt, denn Christian Bale wirkte in den Filmen von Nolan deutlich älter, und auch Keaton war schon über 40. Robert Pattinson spielt den Fledermausmann für die Generation TikTok, denn Reeves kündigte an, dass der Film deutlich schneller und wilder sein würde als jeder Vorgänger. Während in den alten Filmen meist ein Bösewicht pro Film ausreichte, um Batman vor schwierige Aufgaben zu stellen, kommt in "The Batman" nun gleich eine ganze Armada auf ihn zu: Batman bekommt es mit dem Riddler (Paul Dano), dem Pinguin (Colin Farrell) und Catwoman (Zoe Kravitz) zu tun. Den Überblick verliert er dabei nicht, wie es sich für die Multitasking-Generation eben gehört.

Anders als die Vorgänger-Filme startet "The Batman" aber nicht wieder von null, abgesehen davon, dass der Filmtitel eine Referenz dafür ist, wie Batman anno 1938 in den Comics bezeichnet wurde: als The Batman eben. "Ich wollte aber nicht noch einmal seinen Werdegang erzählen", sagt Matt Reeves, "das wurde bereits sehr gut gemacht." Stattdessen liegt der Fokus auf Batmans detektivischer Arbeit im zweiten Jahr seiner "Karriere", es geht nicht nur um exaltierte Bösewichter, sondern auch um Korruption in Polizei, Justiz und Politik - auch etwas, über das die heutigen Kinobesucher gut informiert sein dürften.

173 Spielminuten lang geht Batman auf die Jagd

Die Neuerzählung der Batman-Story, sie ist wieder durchaus angelegt auf mehrere Teile, so viel ist schon bekannt. Immerhin hat Reeves sich getraut, eine wichtige Hollywood-Regel zu brechen: Nämlich die, nicht zu ausufernd zu werden. Normalerweise sind Filme, die Laufzeiten jenseits der 120 Minuten aufweisen, Gift für die Kinokasse - weil sie das Sitzfleisch des Publikums überfordern und weil sich zudem nur eine Show pro Abend ausgeht. Reeves legt dem Publikum allerdings satte 173 Spielminuten vor, das ist innerhalb eines so teuren Filmgenres durchaus ein Wagnis.

Aber nachdem man beim Studio Warner Bros. und beim DC-Verlag mit "Joker" 2019 einen Überraschungshit landete, der trotz seines beinahe künstlerischen Anstrichs eine Milliarde Dollar einspielte (und den Goldenen Löwen sowie den Oscar für Joaquin Phoenix holte), ist man für das Verlassen ausgetretener Hollywood-Pfade ganz offensichtlich empfänglicher geworden. Und Reeves darf bei "The Batman" mit stilistischen Mitteln aus dem Film noir experimentieren, seinem Helden Eigenschaften von Figuren aus "Taxi Driver" und "Chinatown" spendieren und so den filmkünstlerischen Ansatz von "Joker" neu aufgreifen.

Dass Ex-Vampir Robert Pattinson die neue Idealbesetzung für Bruce Wayne ist, wird sich allerdings erst weisen: Denn die Latte liegt sehr hoch. Bei Michael Keaton schien sich das gepanzerte Kostüm derartig perfekt an den Körper zu schmiegen, dass er zur Ikone aller Batman-Darsteller wurde, wenngleich er in Zivil gar nicht sonderlich athletisch daherkam. Aber diese Augen, im Schnitt der Bat-Maske, und dazu die Beschaffenheit seiner Lippen - so sieht ein düsterer Held aus. Ihm springt die Vielschichtigkeit sozusagen aus dem Gesicht.

Das war bei den anderen Batman-Darstellern seither eher nicht so. Gut, Keaton konnte in dem perfekt designten Anzug zwar nicht den Kopf drehen, sondern musste den ganzen Oberkörper mitbewegen, was im Nahkampf dann realistischerweise ein rasches Verscheiden bedeutet hätte. Aber der Anzug sah einfach fantastisch aus.

Mit Val Klimers Auftritt in "Batman Forever" (1995) versuchte man den Lippen-Schwung Keatons noch einmal zu toppen, aber Kilmers Schlauchboot-Lippen sahen einfach zu groß aus. George Clooney lieferte in "Batman & Robin" (1997) eine arge Lachnummer ab, was weniger an seinem eher zu schlanken Gesicht lag, das im Batman-Helm fast mickrig aussah, als vielmehr an den Nippeln am Bat-Kostüm, die die Verbrecherjäger zu sexualisieren versuchten. Es ist das "Nippelgate" der Franchise, und Warner wurde dazu veranlasst, den dunklen Ritter rasch in der Versenkung verschwinden zu lassen. Erst die Marvel-Erfolge anfang der 2000er Jahre ließen die Macher über ein Reboot nachdenken.

Aber auch Christian Bale sah in seinem Bat-Kostüm seltsam befremdlich aus - er konnte zwar den Kopf drehen, aber richtig chic gestylt war das Kostüm nicht. Komplettiert wurde das Unbehagen durch seine tiefe, dunkle Stimme, die Bale immer hatte, sobald er das Kostüm überstreifte. Die Stimmlage wirkte eher lächerlich denn furchteinflößend.

Eher ein Psychopath als ein Verbrechensbekämpfer

Und jetzt Robert Pattinson. Der sieht schon rein optisch fehlbesetzt aus, denn in seinem zuweilen irren Blick macht er eher den Eindruck eines Psychopathen denn eines Verbrechensbekämpfers. Wobei: In der Batman-Historie, speziell ab Frank Millers Graphic Novel "The Dark Knight Returns" von 1986, ist Bruce Wayne häufig selbst ziemlich verkopft und psychologisch unterwegs, und man darf durchaus die geistige Gesundheit eines erwachsenen Mannes anzweifeln, der in einem nachtfarbenen Kampfanzug allabendlich auf die Blutwiese Gotham City zieht, um dort Ganoven zu verhauen.

Beinahe wäre das aber in "The Batman" noch getoppt worden: Anders als die dunkle Stimme von Bale wollte Robert Pattinson seinen Batman nämlich nur flüstern lassen. Das hat man ihm dann doch ausgeredet. Denn eine Regel, die man in Hollywood keinesfalls brechen darf, lautet: Man sollte schon verstehen, was die da oben auf der Leinwand zueinander sagen.