Es gibt viele Wege, um in Wien zur Legende zu werden. Stilles, beharrliches Arbeiten im Hintergrund gehört normalerweise nicht dazu. Und dennoch war die pensionierte Mathematiklehrerin Anna Nitsch-Fitz eine Legende. Nicht wegen ihres Mathematik-Unterrichts am Gymnasium auf der Schmelz, den sie viele Jahrzehnte erteilte. Vielmehr wegen ihres Hobbys, das stets ihr eigentlicher Lebensinhalt war.

Denn Nitsch-Fitz war bis vor wenigen Wochen die Betreiberin des ältesten Kinos in Wien, der Breitenseer Lichtspiele. Das bekannte Ecklokal mit dem markanten Neon-Schriftzug ist nicht nur in Ottakring und Penzing bekannt. Das Kino ist nichts weniger als eine Institution. Eine Institution, die stets mit ihrer Eigentümerin eng verbunden war. Tag für Tag stand sie unermüdlich hinter dem Tresen: Sie verkaufte Tickets, gab Manner-Schnitten und Getränke aus und stand stets für ein launiges Gespräch bereit.

Man pilgerte nicht nach Breitensee, um einen Film zu sehen. Und auch sicher nicht, um die harten Holzsessel zu genießen. Wegen des handverlesenen Arthouse-Programms? Schon eher. Den genialen Stummfilm-Abenden mit Live-Klavierbegleitung? Definitiv! Aber der wichtigste Grund: Man war zu Gast im erweiterten Wohnzimmer von Anna Nitsch-Fitz, das diese bereitwillig für die Wienerinnen und Wiener zur Verfügung stellte.

1969 kaufte die 1938 geborene Wienerin das Lokal. Es war ihr, wie sie makaber erzählte, in die Wiege gelegt. Einer der ehemaligen Besitzer hatte sich am 22. Jänner 1938 im Kino erhängt. An diesem Tag kam Nitsch-Fitz zur Welt. Schon ihre Großmutter hatte ein Kino in Nussdorf geführt, in dem sie zwischen Kinosesseln und Fauteuils aufgewachsen war. Als ihr Vater, ein rational denkender Arzt, das Kino mitten in der Kinokrise erbte, war es schnell vorbei mit dem Leben im Kino.

Ersatz fand sich in Breitensee. Ein gutes Geschäft war das Kino schon damals nicht. Das war es nie. Nicht, dass Nitsch-Fitz das egal gewesen wäre. Immer wieder ärgerte sie sich über das Finanzamt, das ihren Lebenssinn schnöde als "Liebhaberei" einstufte. "Was glauben denn die? Ich kann ja nichts dafür, dass nicht mehr kommen!", ärgerte sie sich im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Einen guten Teil aus ihrem Gehalt und ihrer Pension steckte die gute Seele in ihr Kino.

Antel, Patzak, Waltz

Aber es wäre nicht Wien, wenn die Stadt letztlich nicht doch erkannt hätte, was sie hier für ein Juwel hat. Das Kino diente als kauzige Kulisse für Franz Antel, Peter Patzak und Christoph Waltz in einer seiner frühe Rollen. Nach dem "Aus" für das Erika-Kino 1999 erbten die Lichtspiele ganz offiziell den "Titel ältestes noch bespieltes Kino Wiens". In den vergangenen Jahren wurde viel getan, um das Kino-Erlebnis technisch dem Stand der heutigen Zeit anzupassen. Zwei Generalrenovierungen (zuletzt 2021), neue Tapeten und die Umrüstung der Projektoren machten das Kino fit für die nächste Generation. Annas Nichte Christina Nitsch-Fitz und Dieter Mattersdorfer führen nun das Kino in die Zukunft. Dass das noch gelang, trug sicher dazu bei, dass Nitsch-Fitz kurz nach der Übergabe loslassen konnte.

Das Kino gab am Mittwoch ihren Tod bekannt: "Sie hat das Kino 53 Jahre lang in unvergleichbarer Weise geführt, wofür wir ihr immer größten Dank und Respekt zollen werden. Wir werden das Andenken an unsere Tante/Betreiberin immer hoch halten und trauern mit Familie und Freunden. Die Breitenseer Lichtspiele werden weiterhin im Sinne und Geiste der Anna Nitsch-Fitz erstrahlen und so diese Ära weiterleben lassen, womit ihr großer Wunsch erfüllt werden soll."