Altmeister Paul Schrader, der einst das Drehbuch zu Scorseses Klassiker "Taxi Driver" schrieb und Filme wie "Katzenmenschen", "Ein amerikanischer Gigolo" oder "First Reformed" inszeniert hat, begibt sich in seinem neuen Drama "The Card Counter" (derzeit im Kino) ins Casino. Sein Held ist William Tell (Oscar Isaac), der nach zehn Jahren Haft aus dem Gefängnis freikommt. Der ehemalige Soldat, ausgebildet in "erweiterter Vernehmung", also Folter, hatte im Irak-Krieg für ein Foto posiert, während er einen Gefangenen in Abu Ghraib demütigte. Nach seiner Entlassung aus der Haft verschreibt sich dieser Mann dem Glücksspiel. Er zieht von Casino zu Casino und versucht dort zwischen Poker und Black Jack sein kalkuliertes Glück. Bald schon dürstet es Tell nach mehr: Zusammen mit seinem jungen Compagnon Circ (Tye Sheridan) will er die "World Series of Poker" in Las Vegas gewinnen. Zugleich liegt ihm allerdings noch ein Rachegelüst im Magen, das ihn zu dem Bauunternehmer John Gordo (Willem Dafoe) führt. Es ist ein faszinierend-spannender Thriller, den Schrader zwischen Kriegsvergangenheit und Gegenwartsbewältigung pendeln lässt: Es geht um die Frage, ob man die eigene Vergangenheit überwinden kann.

Arme Seelen

"Unsere Gesellschaft übernimmt nicht gerne die Verantwortung für ihre Taten", sagt Schrader. "Aber ich komme aus einer Kultur, in der man für alles verantwortlich ist. Du kommst voller Schuldgefühle auf die Welt und wirst immer schuldiger." Unter diesen Vorzeichen kann man viele Filme Schraders auf einen Nenner bringen: Er nähert sich seinen Figuren auf eine Weise, die die armen Seelen in ihnen herausstreicht. Sie alle suchen nach Erlösung, sie alle wollen Frieden. "Wir sind sicherlich alle zur Vergebung fähig. Wer etwas anderes behauptet, irrt", meint Schrader.

"Man kommt schon voller Schuldgefühle zur Welt", meint Paul Schrader. - © K. Sartena
"Man kommt schon voller Schuldgefühle zur Welt", meint Paul Schrader. - © K. Sartena

"The Card Counter" ist in dieser Hinsicht auch Charakterstudie und philosophisches Drama über den persönlichen Kreuzzug des Helden. "Ich neige dazu, nach interessanten beruflichen Metaphern zu suchen. Als ich damals ‚Taxi Driver‘ schrieb, traf der den Zeitgeist ziemlich genau. Das hätte ich unmöglich planen können, aber es beeinflusst natürlich die Geschichten, die ich erzähle." Immer wieder beziehen sich Kritiker auf diesen einen Film, auf Schraders Drehbucharbeit. Das ist kein Zufall: Wiederholt kehrt der Regisseur zu den im Grunde gleichen Charakteren zurück. Ganz im Sinne seines Schöpfers ist es in "The Card Counter" wieder ein einsamer Protagonist, ein Einzelgänger, dessen Existenz Rätsel aufwirft.

Vor dem Spielautomaten

"Es gibt diesen Mythos, dass Taxifahrer freundliche Typen sind, die mal als Charakterdarsteller beim Fernsehen waren", lacht Schrader. "Die Realität ist: Taxifahrer sind sehr einsame Menschen, die 60 Stunden pro Woche in einem Auto gefangen sind. Beim Glücksspiel ist das ähnlich, viele versinken in ihrem ganz persönlichen Spiel. Ich habe oft über die Essenz des Kartenspielens nachgedacht oder bin vor einem Spielautomaten gesessen", so Schrader. "Man sieht Werbespots von Leuten in Casinos, die lachen. Aber es ist ein ziemlich düsterer Ort. Heutzutage müssen Sie bei Slots nicht einmal den Hebel ziehen. Du sitzt einfach da und lässt die Zahlen automatisch rollen. Das ist schon recht zombieartig."

Das Zombie-Motiv ist tatsächlich ein wichtiger Teil der Figur des William Tell. "Ich habe mich gefragt, warum sich jemand dafür entscheidet, solch ein Dasein zu leben. Apathisch zu sein und nicht mehr wirklich am Leben, aber auch nicht wirklich tot. Worin liegt dafür die Ursache? Es kann sich nicht um ein einfaches Verbrechen oder einen Familienstreit handeln. Es muss etwas Unverzeihliches sein. Ich habe versucht, etwas zu finden, wo das Publikum sagen würde: Ja, ich kann verstehen, warum sich dieser Mann nach zehn Jahren im Gefängnis immer noch schuldig fühlt. Und das war Abu Ghraib. Ich habe das nicht aus politischen Gründen gewählt, aber ich glaube, die Menschen brauchen einen triftigen Grund, damit die Figur plausibel ist."

Der Subtext vom Krieg

Zwischen Poker und Black Jack hat sich Schrader in seiner Jugend übrigens selbst des Öfteren herumgetrieben. "Aber dieses Hobby habe ich schnell wieder aufgegeben, denn ich stellte fest, dass ich nur dann Interesse am Spielen hatte, wenn es richtig gefährlich war", so Schrader. "Und dieser Gefahr wollte ich mich nicht mein Leben lang aussetzen." "The Card Counter" ist darob auch gar kein Film über das Glücksspiel. "Das ist mehr ein Ablenkungsmanöver, eine falsche Fährte", sagt Schrader, der in dem Drama lieber mit einem großen Anteil an Subtext arbeitet: Er zeichnet ein Bild des Irak-Kriegs, und wie dieser immer noch in die Psyche einer Nation hineinspielt, obwohl es vorderhand um ganz andere Ereignisse geht; die Abscheulichkeit dieses Krieges sitzt bei jedem Kartenspiel von William Tell mit am Tisch.

All das filmt Schrader wie immer mit einem überschaubaren Budget, ganz anders als sein Weggefährte Martin Scorsese. "Ich bin nicht vernarrt in die großen Spielzeuge. Scorsese kann 200 Millionen Dollar pro Film ausgeben. Ich hingegen bin froh, handgefertigte Filme in kleinerem Maßstab zu drehen, bei denen ich die vollständige Kontrolle und den Final Cut habe. Es gibt nur ein paar Regisseure, die eine solche Kontrolle auch im Großen haben, wie Spielberg und Scorsese. Aber die meisten müssen die Kontrolle abgeben, um mit den großen Spielzeugen spielen zu können. Für mich ist es das nicht wert."