Die Ukraine ist nicht Russland, darüber hat der einstige ukrainische Präsident Leonid Kutschma 2003 sogar ein Buch geschrieben. Die Legitimität dieser Nation wird nicht erst seit Putin infrage gestellt; schon Zar Alexander II. hatte um 1870 etwa verboten, dass Schriften in dem "kleinen russischen Dialekt" erscheinen durften. Die Verniedlichung des Anspruchs auf Souveränität der Ukrainer zieht sich seither deutlich durch die Geschichte, und gerade das Medium Film bildete diesen Konflikt sehr häufig ab. Ukrainische Filmemacher standen an vorderster Front dieses Kampfes um kulturelle Anerkennung, zuerst zur Zeit der Sowjetunion und in jüngerer Vergangenheit seit der Annexion der Krim durch Russland und seit dem Aufkommen der Separatistenbewegung im Donbass im Jahr 2014.

Oleksandr Dowschenko, so etwas wie der kinematografische Urknall im ukrainischen Film, drehte seine aufsehenerregendsten Filme unter Stalin. In den 60er Jahren entstand in der Ukraine eine Bewegung, die sich der Poesie des Kinos widmete und sich neben den New-Wave-Bewegungen in Westeuropa von Dowschenko inspirieren ließ.

Schwarze Komödie: "Donbass" (2018) von Sergei Loznitsa. - © atc
Schwarze Komödie: "Donbass" (2018) von Sergei Loznitsa. - © atc

Besonders seit 2014 wird die Auseinandersetzung mit dem ukrainischen Selbstwert und dem Konflikt mit Russland auf den Leinwänden intensiver. Viele der nun folgenden Filme stammen von ukrainischen Filmemachern, aber es gibt auch unter den russischen Kollegen genügend Beispiele, wie man den Konflikt künstlerisch und (im russischen Fall) am staatlichen System vorbei aufarbeiten kann.

Am Maidan und im Donbass

Einer der zentralen Figuren des ukrainischen Kinos und der im Westen durch seinen seit 2001 bestehenden Wohnsitz in Berlin wohl bekannteste Filmemacher dieser Region ist Sergei Loznitsa. Er hat mit "Maidan" (2014, zu sehen auf AppleTV) eine Doku hautnah am Geschehen der Revolution an diesem Kiewer Platz produziert, der dieser Tage wieder in etlichen Wiener Kinos zu sehen ist. Viele andere Dokus sind über die Euromaidan-Bewegung gedreht worden, aber Loznitsas Film ist speziell. Nicht nur verweigert er sich eines Kommentars oder erklärenden Bildern, er verwehrt sich auch gegen irgendeine Form der Heroisierung der Ereignisse. In "Maidan" sieht man vor allem Alltag: Menschen in Cafés, dazwischen Verletzte in provisorischen Krankenhäusern, dann rätselnde Passanten, die nicht wissen, was gerade passiert. Loznitsa fing die Alltagsdynamik dieser Tage ein und gibt sie als sehr spezifisch formulierte Doku über die Kraft politischer Ideen und wie sich diese verändern können, wieder aus.

Loznitsa hat sich 2018 dann auch mit dem Konflikt, der nach der Annexion der Krim ausgebrochen ist, befasst: In "Donbass" (Regie-Preis in Cannes, zu sehen auf easterneuropeanmovies.com) steckt er die andauernden Kampfhandlungen in der Region in das Kleid einer schwarzen Komödie, die viel von dem vorwegnimmt, was heute traurige Realität ist. Es ist eine skurrile Aneinanderreihung von Miniaturen, die vor allem die Propaganda eines Krieges thematisieren. Die Glaubwürdigkeit der Medien ist hier aufgehoben, es geht um einen Produzenten für einen Propaganda-TV-Kanal, in dem Schauspieler üben, Fake News glaubwürdig zu vermelden, aber es geht auch um Milizsoldaten, die Checkpoints durchsuchen, oder Kommandanten, die für Journalisten posieren. Loznitsa ließ sich stilistisch von YouTube-Videos aus Donezk und Luhansk inspirieren und liefert eine exemplarische Studie über einen Krieg in Zeiten der nicht mehr verifizierbaren Über-Information ab; wahr ist, was geglaubt wird.

Dem Trauma von Folter und kriegerischen Auseinandersetzungen verschreibt sich das Drama "Reflection" (2021, ab 11. März für eine Woche im Wiener Votivkino zu sehen) des ukrainischen Regisseurs Walentyn Wassjanowytsch. Der beschreibt in unbarmherzigen, brutalen Bildern, wie der ukrainische Chirurg Serhij im Konfliktgebiet in der Ostukraine von den russischen Streitkräften gefangen genommen wird. Seine Zeit in Haft sind geprägt von unendlich schockierender Folter, mental wie körperlich. Nach seiner Entlassung kehrt der desillusionierte Serhij in sein altes bürgerliches Leben zurück und beginnt, nach einem Sinn in seinem Leben zu suchen, indem er die Beziehung zu seiner Tochter und Ex-Frau wieder aufbaut. Wassjanowytsch erforscht in "Reflection" vor allem, was der Krieg mit dem Seelenheil der Menschen macht, die ihn durchleiden müssen.

Die Netflix-Doku "Winter on Fire: Ukraine’s Fight for Freedom" (2015) von Jewgeni Afinejewski zirkelt ebenfalls um die Ereignisse auf dem Maidan und ist ein sehr leidenschaftliches Porträt des Terrors, der Wut, der Verzweiflung und der Entschlossenheit; Sean Penn hat den Film kürzlich auf Twitter empfohlen, nachdem er gerade selbst in der Ukraine war, um eine Doku "über die Wahrheit" im Land zu drehen. Man muss kein Netflix-Kunde sein, um "Winter on Fire" zu sehen; der Streaming-Anbieter hat den Film zur freien Ansicht auf YouTube gestellt.

Russische Innensicht

Auch russische Filmemacher haben Filme zum Thema gedreht: Etwa der in Sibirien geborene Alexander Sokurow ("Russian Ark"), der in "Alexandra" (2007) die militärische Macht Russlands einer humanen Charakterstudie gegenüberstellt: Eine alte Frau geht während des zweiten Tschetschenien-Krieges nach Grosny, um ihren dort kämpfenden Enkel zu finden. Der Film wirft einen intensiven Blick auf den Konflikt aus russischer Sicht und bildet die Koexistenz eines militaristischen Regimes mit einer verbreiteten Antikriegsstimmung ab.

Der Russe Andrei Swjaginzew drehte mit "Leviathan" (2014, Drehbuchpreis in Cannes, zu sehen auf Amazon Prime Video) ein Drama, das schonungslos mit dem modernen Russlandbild abrechnet. Der Regisseur musste den Film außerhalb des staatlichen Systems produzieren, weil er darin vor allem auf Korruption und Unterdrückung in seinem Land hinweist. Es ist eine sehr kleine Geschichte, die ein großes Ganzes beschreiben will: Ein Mann versucht, einen korrupten Bürgermeister daran zu hindern, sich seines Hauses zu bemächtigen. Das hat für ihn fatale Konsequenzen. Das Putin-Porträt im Büro dieses Bürgermeisters gibt einen Hinweis auf die weitverzweigte Verästelung der Staatsmacht bis in kleinste Strukturen.

Und auch der Blick von außen auf dieses Russland findet filmischen Ausdruck: Die Doku "Citizen K" (2019, zu sehen auf Amazon Prime Video) des Amerikaners Alex Gibneys dreht sich um den zum Dissidenten gewordenen russischen Oligarchen Michail Chodorkowski. Ein Blick hinter die Kulissen des Systems, das Putin stützt, bestehend aus Günstlingswirtschaft, gegenseitiger Bereicherung und Bedrohung, aber auch ein Erforschen der Psyche jener Männer, die Putin am gefährlichsten werden könnten.

Wie die Befindlichkeit der Ukrainer vor Ort zur Zeit der Annexion der Krim gewesen ist, illustriert die Doku "Ukrainian Sheriffs" (2015, zu sehen bei Amazon Prime Video) des Ukrainers Roman Bondarchuk. Das alltägliche Leben in dem Dorf Stara Zbur’yivka nördlich der Krim am Dnipro-Delta ist Zentrum der Beobachtungen. Zwei normale Bürger werden als Sheriffs rekrutiert, und das Zusammenspiel nimmt durchaus tragikomische Formen an; hier werden die Auswirkungen der großen geopolitischen Veränderungen auf die ländliche Ukraine verhandelt, wo die Wirtschaft am Boden liegt, der Patriotismus der Ukrainer in dem gemischtsprachigen Dorf allerdings durchaus intakt ist.

Es ist auch dieser Film ein Zeugnis für einen Konflikt, in dem jede Seite auf ihre ganz eigene Wahrheit besteht.