Seit Pedro Almodóvar Filme dreht, sind diese bevölkert von Müttern. Er hat ihnen nicht erst in "Alles über meine Mutter" (1999) ein Denkmal gesetzt, sondern arbeitet sich an ihnen in fast jedem seiner Filme ab; selbst sein letzter Film "Leid und Herrlichkeit", eine zutiefst autobiografische Geschichte um das Innenleben eines Künstlers, beinhaltet diese, seine Mutterfigur: Penélope Cruz spielte darin Almodóvars Mutter, und es ist kein Wunder, dass sie der spanische Regisseur in der neuen Arbeit "Parallele Mütter" wieder in der Hauptrolle besetzte. Es ist die siebente Zusammenarbeit der beiden, und was für eine: Cruz spielt ihre Figur hier derart überzeugend, dass sie beim Filmfestival von Venedig dafür mit dem Darstellerpreis "Coppa Volpi" ausgezeichnet wurde.

Cruz ist Janis, eine Fotografin, die ungewollt schwanger wird. Genau wie Ana (eine Entdeckung: Milena Smit), die mit ihren 19 Jahren allerdings noch ganz andere Lebensentwürfe im Sinn hat als die Mittvierzigerin Janis. In einem Krankenhauszimmer treffen diese beiden ungleichen Frauen aufeinander, und Janis ist überglücklich über das neue Leben, das sie auf die Welt gebracht hat. Ana hingegen traumatisiert die Geburt eher, zumal das Kind entstand, als sie von anderen Jugendlichen zum Sex gezwungen wurde. Die eine gibt der anderen Kraft, und eine solche Annäherung ist nirgendwo so dramatisch, verführerisch und anziehend wie in einem Film von Pedro Almodóvar. "Parallele Mütter" liegt fernab einer Komödie, und enthält dennoch Almodóvars Anflüge von Leichtigkeit; es ist ein Drama voller packender Szenen, nicht nur bei der Entbindung im Kreißsaal, und doch veredelt Almodóvar die stimmigen Bilder (Kamera: José Luis Alcane) wieder mit seinen für ihn typischen, leuchtenden Farbtupfern aus Gelb, Rot, Grün, die sich in Dekor und Kostüm ganz wunderbar einfügen in diese Geschichte über weibliche Solidarität. Es geht hier nämlich bald nicht mehr nur um die zunehmend enger werdende Bindung zwischen Janis und Ana, sondern auch um Referenzen auf die Vorfahren und Nachkommen, und darum, wie das über Generationen weitergetragene immaterielle Erbe von weiblichen Befindlichkeiten in Hinblick auf das Leben und die Geburt Frauen miteinander verbindet.

Der Atem der Geschichte

Und weil Almodóvar mit Leichtigkeit gerne vielschichtige Erzählungen reicht, ist auch "Parallele Mütter" noch um eine Ebene erweitert: Es ist ein bitterer Akt spanischer Geschichte, der hier hineinspielt. In ihrem Heimatdorf kämpft Janis mit ihrer Familie und den Nachbarn darum, ein Massengrab zu öffnen und die darin liegenden Opfer der Falangisten aus der Zeit der Franco-Diktatur endlich in Würde zu begraben. "Die Geschichte weigert sich, den Mund zu halten", zitiert der Abspann den uruguayischen Schriftsteller Eduardo Galeano, und es ist ein gewichtiger Aspekt, der Almodóvar umtreibt: Der Regisseur hat mehrfach betont, an die Bürgerkriegs-Opfer erinnern zu wollen, die aus der spanischen Geschichtsschreibung immer mehr verdrängt werden.

Vor diesem Hintergrund wird "Parallele Mütter" zu einem dramatischen Film über Lügen und Geheimnisse, Schuld und Egoismus. Selten war Almodóvar so schwermütig, selten auch so leichtfüßig vielschichtig.