Es ist eine Schlüsselszene im Familiendrama "Petite Maman", das gleichzeitig voller Realismus und voller Rätsel steckt. Zwei Mädchen sitzen einander gegenüber, als die achtjährige Nelly zur gleichaltrigen Marion sagt: "Ich bin deine Tochter." Völlig absurd - doch da hat der Film das Publikum längst so zauberisch in seine Welt verstrickt, dass niemand Nellys Satz anzweifeln würde.

Nelly (Joséphine Sanz) trauert um ihre Großmutter. 
- © Alamode

Nelly (Joséphine Sanz) trauert um ihre Großmutter.

- © Alamode

"Petite Maman" ist das neue Werk der Pariser Regisseurin Céline Sciamma, die 2019 mit der feurigen Frauen-Romanze "Porträt einer jungen Frau in Flammen" einen Donnerschlag in der Arthaus-Szene auslöste (Drehbuch-Preis in Cannes; Golden-Globe-Nominierung).

Sprung ins Surreale

Nun wirft Sciamma einen Blick auf familiäre Themen; dargestellt aus der Perspektive eines Kindes. Nelly (Joséphine Sanz) betrauert den Tod ihrer Großmutter und ist mit ihren Eltern dabei, als das Haus der Verstorbenen geräumt wird. Als Nellys depressive Mutter (Nina Meurisse) abreist, wagt die Story den Absprung ins Surreale. Das Mädchen freundet sich mit der kleinen Marion (Gabrielle Sanz) an, die sie in ihr Haus einlädt. Es ist das Haus von Nellys Familie. Nur 25 Jahre früher. Nelly erkennt, dass sie in eine Zeitschleife geraten ist. Was es ihr unter anderem ermöglicht, noch einmal mit der Großmutter - Marions Mutter - Kontakt aufzunehmen.

Autorin/Regisseurin Sciamma interessiert sich nicht die Bohne dafür, das Geheimnis der Zeitschleife aufzulösen. Sie benutzt ihre cineastische Versuchsanordnung dazu, um familiäre Geschichten von Zuneigung und Trauer, von Elternschaft und Kindheit zu erzählten. Das ist in diesem stillen Kammerspiel außerordentlich einfühlsam gelungen.