Da liegt sie, diese Tasche, bei einer Busstation, irgendwo in der iranischen Stadt Shiras. Ihr Inhalt wäre die Lösung aller Probleme für den jungen, hochverschuldeten Rahim (Amir Jadidi), der wegen seiner Schulden im Gefängnis sitzt und gerade auf Hafturlaub draußen ist. Seine Freundin Farkhondeh (Sahir Goldoust) findet die verwaiste Tasche und wagt einen Blick hinein: Sie ist randvoll mit Goldmünzen! Als sie Rahim davon erzählt, ist dieser völlig aus dem Häuschen: Das muss ein Zeichen des Schicksals sein, das ihm endlich gut gesinnt ist! Was eröffnen sich da plötzlich für Möglichkeiten: Die Schulden abzahlen, seine Freundin heiraten, mehr Zeit mit seinem Sohn verbringen.

Aber in Rahim wächst Widerstand gegen die Versuchung. Er muss sich ein schlechtes Gewissen eingestehen, denn das Gold gehört ihm nicht. Er will diesen Drang nicht unterdrücken, und so versucht er, das Gold seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben, und beginnt, in den sozialen Netzwerken nach dem Eigner zu suchen. Das hat Erfolg, und es hat auch einen Effekt für Rahim: Plötzlich und über Nacht wird er über die sozialen Medien zu einem gefeierten Star, der einer ungeheuren Versuchung widerstanden hat; ein moralischer Held, nach dem die iranische Gesellschaft geradezu giert. Im lokalen und regionalen Fernsehen stilisiert man ihn zu einem solchen Helden, und Rahim wird regelrecht populär. Aber letztlich führt eine kleine, eigentlich unbedeutende Notlüge dazu, dass sein tolles Saubermann-Image genauso schnell wieder zerstört wird, wie es entstanden ist.

Asghar Farhadi hat für seine oftmals simplen, nahe an den Figuren liegenden Alltagsthriller, die mit wenig Mitteln große Spannung bieten, bereits zwei Oscars gewonnen, für "A Separation" und "The Salesman". Er verdichtet scheinbar mühelos iranische Lebensrealität zu Dramen voller emotionaler Wucht, und das gelingt dem Filmemacher auch in "A Hero" ganz vortrefflich.

In Lügen verstrickt

Sein Held ist hier zunächst ein Opportunist, der eine Gelegenheit ergreifen könnte; die moralische Frage, die Farhadi geschickt in die Handlung webt, ist die nach wahrer oder doch gespielter Ehrlichkeit: Der Goldschatz ist nämlich weniger wert, als Rahim es ursprünglich vermutet, und erst ab diesem Zeitpunkt ist es für ihn beschlossene Sache, ihn zurückzugeben. Als Finder wird er zu einer strahlenden Figur, die sich immer mehr in Lügen verstrickt. Die klare moralische Haltung in Bezug auf den Fund hat Rahim jedenfalls nicht. Das Innenleben seines Protagonisten verwehrt Farhadi seinem Publikum; stattdessen fokussiert er auf den Umstand, dass öffentliches Ansehen und die Beliebtheit in sozialen Netzwerken in der iranischen Gesellschaft (und wohl überall anders auch) zu einer tatsächlich harten Währung geworden sind, mit der man sich letztlich aber nichts kaufen kann.

"A Hero" ist keinesfalls als zynischer Titel zu werten, denn Rahim und sein Umfeld agieren menschlich und auch verstörend. Und auch, wenn Farhadi hier die iranische Gesellschaft porträtiert und viel Lokalkolorit abbildet, ist "A Hero" doch auch in erschreckender Weise ein Film über uns alle selbst.