Rahim (Amir Jadidi) sitzt wegen einer Geldsumme, die er nicht zurückzahlen kann, im Gefängnis. Während eines zweitägigen Hafturlaubs versucht er, seinen Gläubiger (Mohsen Tanabandeh) davon zu überzeugen, seine Klage gegen Zahlung eines Teils der Summe zurückzuziehen. Aber die Dinge laufen nicht wie geplant. Da findet seine Freundin Farkhondeh (Sahir Goldoust) eine verwaiste Tasche mit Goldmünzen an einer Bushaltestelle. Für Rahim stellt sich die Frage: Behalten und damit Schulden abzahlen, oder doch dem rechtmäßigen Eigentümer zurückgeben? Rahim entscheidet sich für Letzteres und wird über Nacht zum Liebling der Medien und zu einem regelrechten Star. Aber sein Image bekommt bald Kratzer. Der Iraner Asghar Farhadi entspinnt in "A Hero" (ab Freitag im Kino) ein beeindruckendes Porträt des modernen Iran.

"Wiener Zeitung": "A Hero" spielt in Shiras, das in der iranischen Kultur eine große Bedeutung hat. Aber im Film sehen wir nicht viel von der Stadt, und die Geschichte spielt sich in alltäglichen Innenräumen wie Autos, Wohnungen und Büros ab. Was war der Grund dafür?

Asghar Farhadi im Vorjahr in Cannes. - © Katharina Sartena
Asghar Farhadi im Vorjahr in Cannes. - © Katharina Sartena

Asghar Farhadi: Als ich meine Filme in Paris drehte, gingen wir auch nicht zu den Touristenattraktionen, sondern es diktiert die Story, welche Schauplätze ich wähle. Und weil dies eine realistische Geschichte ist, sind wir meistens im Leben und in den Häusern dieser Menschen. Shiras ist eine von den Iranern geliebte Stadt, die aufgrund ihrer Geschichte von allen respektiert wird. Aber selbst in diesem Film sehen wir uns nicht die historischen Orte an, mit Ausnahme von Naqsh-e Rostam ganz am Anfang des Films, der für die Handlung wichtig ist. Naqsh-e Rostam ist wirklich einer der wichtigsten archäologischen Orte auf der ganzen Welt. Ich wollte nicht an einem Touristenort beginnen, ich wollte, dass er dramatisch in den Stoff des Films eingewebt wird.

Interessant ist, wie Sie in Ihren Filmen stets Informationen für die Zuschauer unterschiedlich verteilen.

Wie man die Informationen dem Publikum vermittelt und wann, kann unterschiedliche Auswirkungen haben. In "The Salesman" wurden die Informationen so verteilt, dass sie ein Mysterium, ein Rätsel aufgaben. Aber in "A Hero" geschieht dies so, dass Mehrdeutigkeiten entstehen. Diese Zweideutigkeit habe ich nicht erzwungen, aber die Geschichte an sich hat sie von Natur aus eingefordert. Das kennt doch jeder von uns: Es scheint, als wäre nichts im Leben klar. Alles ist mehrdeutig. Ganz am Anfang haben wir das Gefühl, Rahim zu kennen. Alle Entscheidungen, die er trifft, sind klar. Aber dann, je mehr wir ihn kennenlernen, finden wir heraus, dass alle seine Entscheidungen eigentlich mehrdeutig waren.

Wieso wählten Sie den Titel "A Hero"?

Wenn wir das Wort "Held" hören, denken wir an einen Charakter, der immer seine eigenen Entscheidungen trifft. Solche Figuren liebt das Publikum. Aber im wirklichen Leben ist es überhaupt nicht so. Wir haben einen Helden in unserem Film, der keine eigenen Entscheidungen treffen kann und mit dem auch niemand tauschen möchte. Diese Figur ist passiv, aber gleichzeitig fühlen wir uns in sie hinein, weil wir sie im Grunde verstehen: Rahim wird von anderen zu einer wichtigen Person, einem Helden stilisiert. Und alle verlangen von ihm, sich zu verändern, damit er besser in diese Heldenrolle hineinwächst.

Welche Rolle spielen die Sozialen Medien in Ihrem Film?

Als ich die Geschichte schrieb, dachte ich nicht wirklich, dass es darin um Soziale Medien gehen würde. Aber als ich mir bewusst machte, dass dies die Geschichte eines Mannes war, der sehr schnell sehr hoch steigt und noch schneller sehr tief fällt, dachte ich über die Werkzeuge nach, die so eine Achterbahnfahrt ermöglichen könnten. Soziale Medien sind heute neben Zeitungen und dem Fernsehen das vielleicht wichtigste Instrument der Kommunikation und bieten jedem die Möglichkeit, sich zu präsentieren oder andere schlecht zu machen. Soziale Medien haben auch gute Seiten: Zum Beispiel helfen sie uns, Stimmen zu hören, die wir vorher nicht hören konnten. Aber weil es in den Sozialen Medien so viele Stimmen gibt, sind sie prädestiniert für Missverständnisse. Social Media versucht, eine sehr komplizierte Situation in sehr kleinen Elementen und wenigen Worten zu erklären. Dann kann man schnell nicht mehr herausfinden, was nun wahr ist oder falsch.

Warum lügen Menschen?

Denken Sie verkehrt: Was passiert, wenn alle Menschen die Wahrheit sagen? In unserer Gesellschaft ist die Wahrheit zu sagen oft riskanter als zu lügen. Es hängt von der Umgebung ab, in der wir leben. Manche Menschen lügen, ohne zu wissen, dass sie lügen. Sie haben einen Teil der Wahrheit ausgelassen, und dann nennen sie es nicht Lüge. Manchmal glauben Menschen so sehr an eine Lüge, dass sie das Gefühl haben, es sei die Wahrheit. Wenn Menschen lügen, denken sie oft, dass sie die Wahrheit sagen. Sehen Sie sich "Rashomon" an, da spricht Kurosawa genau über dieses Thema. Er beantwortet Ihre Frage. Er hat im Grunde über jede Situation gesagt, dass es immer viele verschiedene Blickwinkel darauf gibt. Einige davon können richtig sein. Einige davon sind aber vielleicht falsch. Wir können nur die Situation mit unseren eigenen Augen sehen. Jeder hat also letztendlich sozusagen seine eigene Wahrheit.