Damals, vor 25 Jahren, da stand das österreichische "Filmwunder" gerade vor der Tür, und die Diagonale in Graz war ein maßgeblicher Türöffner für das heimische Kino: nicht nur national, wo die Filmschau Jahr für Jahr auch kleinere heimische Arbeiten sichtbar macht, sondern auch international durch viele Gäste aus dem Ausland, die heimische Filme in der bekannt entspannten Atmosphäre von Graz kennenlernen.

Am Anspruch hat sich in den letzten 25 Jahren nicht viel geändert: "Das ganze Spektrum filmischen Erzählens zu zeigen und Raum zu geben für zahlreiche Begegnungen von Filmschaffenden und Publikum", hieß es 1998 anlässlich der ersten Diagonale in Graz. Heuer ist dieses Spektrum trotz Pandemie mit 113 aktuellen österreichischen Spiel-, Dokumentar-, Kurz-, Animations- und Experimentalfilmen im Programm sehr umfangreich. Hinzu gesellen sich freilich auch immer die aktuellen gesellschaftspolitischen Umstände, die Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber, die Leiter der Filmschau, in das Programm integrieren.

Diagonale-Intendanten: Peter Schernhuber (l.) und Sebastian Höglinger. - © K. Sartena
Diagonale-Intendanten: Peter Schernhuber (l.) und Sebastian Höglinger. - © K. Sartena

So wird die Diagonale unter dem Eindruck der Pandemie und des Krieges in der Ukraine stattfinden. Ein Motto haben sich Höglinger und Schernhuber bereits gegeben: "Denn immer, immer wieder geht die Sonne auf. Der Wettbewerb der Diagonale 2022 gestaltet sich als Gesellschafts- und Sehnsuchtserkundung. Das österreichische Kino gibt sich kompromisslos und war selten musikalischer. Dabei ist es sich aktueller Krisen auffallend bewusst. Was weiß das Kino, das wir nicht wissen? Der Wettbewerb als Einladung, in einer komplexer werdenden Gegenwart auf andere Gedanken zu kommen - im Sinne von Zerstreuung und Erkenntnis zugleich." Passend dazu lautet der Titel des Eröffnungsfilms, der als Österreich-Premiere am Dienstagabend in der Grazer Helmut-List-Halle gezeigt wird: "Sonne" der 31-jährigen Kurdwin Ayub, die mit diesem Spielfilmdebüt bei der vergangenen Berlinale den Preis für den besten Erstlingsfilm gewinnen konnte. Ayub erzählt darin von drei jungen Teenagerinnen aus Wien, die dank eines YouTube-Videos vor allem unter kurdischen Muslimen über Nacht berühmt werden. Die Auswirkungen dieser "Social-Media-Karriere" und die kulturell-religiösen Befindlichkeiten der Mädchen stehen im Fokus von Ayubs Film.

Im Social-Media-Chaos

"Da draußen existiert ein Social-Media-Chaos; ich dachte daran, wie man heute seine Identität definiert", sagt Kurdwin Ayub. "Was man sein will, wie man aussehen will, wo man sich zugehörig fühlt. Im Film versuchte ich, das ganz real darzustellen, weil ich es nirgendwo so finden kann. Meistens wird romantisch oder zu fiktional damit umgegangen, man sieht manchmal Filme über den Islam, die voll mit Klischees sind, oder über Social Media, wo etwa im Netflix-Style ein Horrorfilm daraus gemacht wurde. Aber ich wollte einen realistischen Blick darauf werfen".

"Sonne" wurde übrigens von Ulrich Seidl produziert, der in Graz auch seine neue Regiearbeit "Rimini" vorstellen wird. Darin geht es um einen gefallenen Schlagerbarden, der Rentnerinnen im winterlichen Rimini musikalisch und auch amourös beglückt.

Außerdem auf dem Spielfilmprogramm in Graz stehen beispielsweise Andrian Goigingers "Märzengrund", Peter Brunners "Luzifer" und Michael Ostrowskis "Der Onkel", bei den Dokumentarfilmen dürften "Für die Vielen" von Constantin Wulff über die Arbeiterkammer Wien und "Alice Schwarzer", Sabine Derflingers Porträt der deutschen Feminismus-Ikone, zu den Programmhöhepunkten zählen.