Richie Bravo ist ein Schlagerstar. Gewesen. In die Jahre gekommen, ist er gekennzeichnet von Bauchansatz und den Folgen jahrelangen Alkoholkonsums. Aber Richie hat nie aufgegeben: Im winterlichen Rimini belebt er einen Adria-Badeort mit seinem Charme und seiner Verführungskunst; die Lieder klingen prächtig, die Liebesdienste hinterher gibt es für die betagte Kundschaft gegen Aufpreis.

Es ist der perfekte Held für eine Geschichte von Ulrich Seidl. In "Rimini" (Premiere bei der Diagonale und ab Freitag regulär im Kino) hat Seidl einer gefallenen Gattung Mann ein Denkmal gesetzt, die es öffentlich immer weniger zu sehen gibt. Aber die Brüche, die Depression, die Niederlagen, die haben Seidl immer schon interessiert. Nicht jedoch, ohne ihnen Positives abzugewinnen: Bei Seidl ist dieser Held aus "Rimini", kongenial interpretiert von Michael Thomas, ein tragischer, aber auch ein liebenswerter und einer, den man trotz (oder wegen) seiner Schlager-Songs schon auch mögen muss.

"Wiener Zeitung": Herr Seidl, muss man Schlagermusik lieben, um einen Film wie "Rimini" drehen zu können?

Ulrich Seidl: Man muss das Genre schon schätzen, sonst hätte ich keinen Film daraus machen können und ich wäre nicht auf die Idee gekommen, einen Schlagersänger als Hauptfigur auszusuchen.

Was macht Schlagermusik aus? Woher kommt die Faszination?

Ich glaube, die Schlagermusik erzeugt Emotionen bei den Menschen, die Schlager hören. Es spielen hier Sehnsüchte eine große Rolle: Die Sehnsucht nach Liebe, die Sehnsucht nach einem bestimmten Partner. Da spielt auch immer wieder der Schmerz eine Rolle, das Verlassenwerden oder auch die Sentimentalität und Melancholie, Gedanken von einer vergangenen schönen Zeit und die Hoffnung, dass man quasi eines Tages doch die große Liebe trifft. Es ist, wie es der Richie Bravo im Film sagt: Er schenkt oder verkauft den Menschen Träume, und was ich dabei ganz wichtig finde, ist, dass er das, was er singt, ganz ehrlich meint. Dass er kein Zyniker ist und nicht aus reinen Geschäftsgründen auf dieser Bühne steht und singt, sondern dass es ihm wichtig ist, Menschen damit zu beglücken.

Vielleicht rümpfen manche Leute deshalb die Nase über die Schlagerwelt, weil eine solche Ehrlichkeit nicht allzu oft gegeben scheint. Da steht doch der Kommerz im Vordergrund.

Das kann ich nicht sagen, aber möglicherweise ist die Musik vielen Menschen zu einfach. Mancher Schlager ist nicht tiefgründig, man kann sagen, er ist oberflächliche oder leichte Kost. Und es gibt wie in allen Ausdrucksformen auch hier Unterschiede. Schlager ist nicht gleich Schlager. So wie Film nicht gleich Film ist.

Gutes Stichwort. Filme verkaufen auch Illusionen, wie die Schlagermusik. Aber auf Ihre Filme trifft das nicht zu, oder?

Das stimmt, ich glaube, meine Filme haben wenig mit Illusion zu tun. Sie sind eher eine Bestandsaufnahme oder Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft, mit unserer Zeit anhand von bestimmten Menschen, über die man Geschichten erzählt. Und das so wirklichkeitstreu und authentisch wie es eben gehen kann, damit man sich als Zuschauer in dieser Welt auch wiederfindet. Das ist mir ganz wichtig: Dass man sich in meinen Filmen erkennt, weil sie Lebensumstände widerspiegeln, die einen selbst auch betreffen, wenn man ehrlich zu sich selbst ist. Deshalb versteht man den Richie Bravo auch gut, weil man so manche Abgründe in ihm kennt. Ich finde Menschen sympathisch, die so wie er ihr Leben nicht auf die Reihe kriegen, es aber immer wieder versuchen.

Wie haben Sie diese Geschichte eigentlich gefunden?

Als ich mit Michael Thomas "Import/Export" drehte, wusste ich, wir würden noch einen weiteren Film gemeinsam machen. Die Art, wie er singt, aber auch sein Charme, das war Inspiration für Richie Bravo. Dieser in die Jahre gekommene Charmeur mit seinem "Küss die Hand", einfach grandios. Die Figur wollte ich in einem anderen Film unterbringen, eine Geschichte um einen Entertainer in einem Ferienclub. Es sollte ein episodischer Film über Massentourismus werden, aber er ließ sich nie umsetzen. Die Figur des Richie Bravo blieb bei mir, in Verbindung mit der Geschichte seines Bruders und des Vaters.

Diese zweite Geschichte werden wir ja in Form eines zweiten Films sehen, der im Herbst herauskommen soll. War das von Beginn an geplant, oder hatten Sie einfach zu viel Material für nur einen Film?

Ursprünglich war es nur ein Film mit diesen zwei Brüdern und zwei Geschichten, die parallel erzählt werden sollten. Der eine in Rimini, der andere in Rumänien, gespielt von Georg Friedrich. Und der Vater - Hans-Michael Rehberg in seiner letzten Rolle - ist im Elternhaus und wird ab und zu besucht. Das war ein ziemlich komplexer und sehr langer Film, der meiner Meinung nach den Zuschauer überfordert hätte. Also habe ich zwei Filme daraus gemacht.

Es gibt also bereits eine Schnittfassung mit beiden Geschichten, die Sie später als Directors Cut veröffentlichen werden?

Ja genau, die gibt es. Sie haben gut kombiniert.

Haben Sie Rimini als Schauplatz gewählt, weil Sie dort die Sommer Ihrer Kindheit verbracht haben?

Ja. Ich bin mit meinen Eltern in den 1960er Jahren im Kindesalter dort gewesen, und mich interessierte für diesen Film das Gegenteil der Sommerzeit: Für mich waren es Bilder von der Adria im Nebel, wo im Winter fast alles zugesperrt ist und es diese Sommerstimmung nicht gibt. Man muss ja die Frage stellen: Ist der Sommer mit den überfüllten Stränden und den Massen an Touristen wirklich ein Idyll? Oder kann das nicht auch Tristesse bedeuten? Dagegen hat der Winternebel mit dieser Verlassenheit, dieser Leere für mich auch etwas Idyllisches. Ich empfinde das durchaus als poetisch.

Ihr visueller Stil ist sehr besonders, es fällt eine Zentriertheit der Bilder auf. Haben Sie diese Form des Erzählens für sich perfektioniert?

Ulrich Seidl feiert heuer seinen 70. Geburtstag. - © afp / Macdougall
Ulrich Seidl feiert heuer seinen 70. Geburtstag. - © afp / Macdougall

Bei jedem Motiv, das ich aufnehme, spüre ich, wie ich es aufnehmen möchte. Das betrifft die Bühne ebenso wie die zugesperrten Hotels. Oder diese Discos! Das gibt es bei uns ja alles nicht. Und diese Orte diktieren mir in gewisser Weise, wie ich sie filmen möchte.

Sie feiern im Herbst Ihren 70. Geburtstag. Zugleich produzieren Sie mit Ihrer Produktionsfirma oftmals sehr junges, ungewöhnliches Kino aus Österreich, etwa Kurdwin Ayubs "Sonne". Leitet sich als Produzent eine gewisse Verpflichtung ab, sich entsprechend um junge Nachwuchstalente zu kümmern?

Es ist eine erfüllende Aufgabe, wenn man diesen jungen Talenten eine neue Bühne bietet, aber es hat nichts mit meinem runden Geburtstag zu tun, sondern meine Absichten haben sich dorthin entwickelt. Es war immer schon mein Bestreben, dem Nachwuchs zu ermöglichen, seine Visionen umzusetzen, natürlich alles in einem abgesteckten finanziellen Rahmen. Aber bei mir gibt’s schon eine große künstlerische Freiheit.

Ist das ein Problem beim Nachwuchs? Das man sich selbst zu wenig zutraut?

Ich finde, es muss gestärkt werden, dass junge Nachwuchsfilmemacher an ihre Ideen glauben und davon überzeugt sind. Es gibt die Gefahr, dass man sich danach richtet, was gerade angesagt ist und was Fernsehredakteure, Produzenten oder Förderinstitutionen suchen.

Mit Kurdwin Ayubs "Sonne" haben Sie den Eröffnungsfilm der Diagonale produziert. Die 31-jährige Regisseurin kommt nicht von der Filmakademie, sondern aus Kunstkreisen. Ist die Filmakademie noch das Maß aller Dinge?

Ich ermutige junge Leute schon lange, über das Machen von Filmen ein bisschen anders zu denken, abseits der üblichen Pfade. Nicht in dem Raster zu verweilen, den man vorgesetzt bekommt oder den man an der Uni gelernt hat. Es gibt natürlich beim Film wichtige Dinge, die man berücksichtigen muss, den Drehplan, das Buch, das Team, die finanzielle Struktur und so weiter. Aber man muss in seiner Kreativität frei bleiben.

Genau so, wie Sie Ihre Filme gemacht haben?

Ja, aber es war glücklicherweise auch so, dass meine Filme Erfolg gehabt haben.

Dieser Erfolg hat Sie unangreifbar gemacht?

Hätte ich keinen Erfolg gehabt, wäre es vermutlich anders gelaufen. Aber so akzeptiert man meine unkonventionelle Arbeitsweise. Das war immer auch ein gewisses Risiko natürlich. Ich glaube, das war mir bewusst, aber ich habe dennoch von Film zu Film versucht, diese so zu gestalten, wie es meiner Überzeugung entsprach.

Sie waren immer schon ein Kompromissloser.

Ich weiß nicht. Ich glaube, ich würde mich mit einer anderen Zugangsweise zum Film nicht wohlfühlen. Ich könnte nicht Dinge tun, um jemandes Erwartungen zu erfüllen. Das geht sich für mich nicht aus.