Viele Figuren im Werk von Ulrich Seidl tun viele abscheuliche Dinge, und doch wohnt in ihnen etwas Liebeswürdiges, Zärtliches, zutiefst Menschliches. In "Rimini" ist diese Liebenswürdigkeit der Hauptfigur Richie Bravo eingeschrieben, wunderbar gespielt von Michael Thomas. Er ist ein gefallener Schlagerstar, dessen Hits mit schmalzigen Textpassagen die Ohren seiner meist betagten Zuhörerinnen umgarnen. In denen werden Träume geweckt und Sehnsüchte, und manchmal sind diese Sehnsüchte so groß, dass die Damen gerne mehr hätten von dem charmanten Sänger. Der liefert seiner Klientel auch zusätzliche Liebesdienste - gegen Aufpreis. Das Gesamtpaket muss eben stimmen. Bei Richie Bravo gibt es alles aus einer Hand.

Hat man Ulrich Seidl immer wieder attestiert, ein Meister von Trostlosigkeit zu sein, muss das in "Rimini" zumindest in Ansätzen revidiert werden. Denn dieser Richie Bravo, der hier im winterlichen Rimini fernab der Hochsaison die Diskothek zum Glühen bringt, tut das alles ohne Häme oder Zynismus. Er weiß um seine Lage, aber er zwängt seinen Bierbauch immer wieder aufs Neue in das Bühnenoutfit, weil er von seiner Arbeit überzeugt ist und auch spürt, dass er wirklich imstande ist, Menschen Freude zu bereiten.

Weniger Freude mit ihm hat allerdings seine Tochter (Tessa Göttlicher), die plötzlich in Rimini auftaucht und vom Vater Geld haben will. Geld, das ihr zustehen würde, das der von Alkohol und Spielsucht gezeichnete Sänger aber nicht hat. Außerdem hat Richie Bravo noch einen Bruder, doch diesen Handlungsstrang hat sich Ulrich Seidl für einen weiteren Film aufgehoben, den er im Herbst herausbringen will. Inzwischen zieht Richie Bravo durch die nebeligen Straßen von Rimini.

Vaterfigur als Klammer

Als Klammer um diesen Film fungiert sein todkranker Vater (Hans-Michael Rehberg in seiner letzten Filmrolle), mit dem "Rimini" beginnt und auch endet. Auch er ist eine typische Seidl-Figur: Ein Mann, der ob seiner Hilflosigkeit und Demenz zu rühren vermag, dessen verbliebene Gedankenwelt sich aber die Zeit des Nationalsozialismus herbeisehnt, und diesem Wunsch verleiht er mit aller Vehemenz seiner Physis Ausdruck. Seidl hat in diesen Szenen die wohl beeindruckendste Studie über das Leben und sein Ende komponiert, die es in seinen Filmen jemals gab.

Dass "Rimini" wie die meisten Filme Seidls vor allem durch seine genaue Kadrage und seinen sorgfältigen Schnitt beeindruckt, ist auch dem langen Herstellungsprozess geschuldet; Seidl nimmt sich vor allem im Schneideraum oft jahrelang Zeit, um ein für den Regisseur stimmiges Bild zu kreieren; diese Genauigkeit ist es auch, die das Kino von Ulrich Seidl unverkennbar macht. Obwohl in optischer Hinsicht auf den ersten Blick durchaus redundant, ergibt sich bei genauerem Hinsehen jedes Mal ein neuer Gedankenraum über das Menschsein.