Während in der Ukraine Krieg herrscht, hat Oscar-Gewinner Volker Schlöndorff (83) in seiner Villa in Potsdam Flüchtlinge aus Charkiw aufgenommen. Am 5. April feiert sein neuer Film in Berlin Premiere. Mit der "Wiener Zeitung" spricht er darüber, warum er gegen Putin kämpfen würde, Afrika noch viele alte, weiße Männer braucht, warum es ihm egal ist, was die Kritik zu seinem neuen und vielleicht letzten Film sagt.

"Wiener Zeitung": Was hat Sie dazu bewogen, eine Mutter und ihr dreijähriges Kind, die vor dem Krieg in der Ukraine geflohen sind, bei sich aufzunehmen?

Volker Schlöndorff: Bei mir wohnten schon seit fünf Jahren Geflüchtete aus Kamerun. Aber da sie mittlerweile drei Kinder haben, wurde die Wohnung zu eng und die Familie ist vor vier Wochen ausgezogen. Und dann kam dieser Flüchtlingsstrom. Für mich war sofort klar: Der Platz ist frei und muss wieder besetzt werden. Sie können bleiben so lange es nötig ist und so lange sie wollen.

Sie haben sich den Krieg so direkt ins Haus geholt. Was macht das mit Ihnen?

Das kann ich noch nicht sagen. Sie sind ja erst vor zwei Stunden eingezogen. Aber wenn ich jünger wäre, würde ich mich vielleicht der Fremdenlegion anschließen, um in der Ukraine zu kämpfen, weil diese Ungerechtigkeit einfach empörend und schwer zu ertragen ist. Ein Diktator, der auch sein eigenes Volk unterdrückt, muss bekämpft werden.

Klingt nicht gerade pazifistisch.

Ich bin Pazifist, aber nicht im Sinne von Gandhi. Um Krieg zu verhindern, muss man sich rüsten. Das sehen wir ja gerade wieder. Sollte es der Ukraine gelingen, Putin zumindest bis in den Osten der Ukraine zurückzudrängen oder womöglich sogar ganz, dann ist das doch der beste Beweis, dass man sich bewaffnet verteidigen muss.

Finden Sie es richtig, dass die deutsche Bundesregierung beschlossen hat, 100 Milliarden Euro in die Bundeswehr zu investieren?

Ja, denn das war lange überfällig. Wir können doch nicht verlangen, dass die Amerikaner das alles für uns machen. Da haben wir uns zu lange in eine zu bequeme Position gegeben. Das hätte ich vor 40 oder 50 Jahren so nicht gesagt, aber schon lange vor dem russischen Einmarsch in der Ukraine.

Dieser Tage feiert Ihr neuester Film, zugleich Ihr erster Dokumentarfilm Premiere. "Der Waldmacher" handelt von Tony Rinaudo, einem australischen Missionar, der mit einer von ihm wiederentdeckten Methode in Afrika Bäume wachsen lassen, den Klimawandel bremsen und so Armut bekämpfen möchte. Warum haben Sie einen Film über diesen Entwicklungshelfer gemacht?

2018 erhielt Tony Rinaudo für seine Verdienste den Alternativen Nobelpreis, bei einem Vortrag in Berlin habe ich ihn kennengelernt. Ich war sofort begeistert von Tonys Persönlichkeit und seiner Methode, aus alten Wurzeln neues Leben entstehen zu lassen und habe ihm vorgeschlagen, einen Dokumentarfilm über ihn zu machen. Bereits vier oder fünf Wochen später habe ich Tony gefilmt, als er in Mali auf einer Konferenz zur Bekämpfung des Hungers in der Sahelzone seine Methode vorstellte.

Sie sagten einmal über Rinaudo: "Wenn er der Messias ist, dann will ich sein Prophet sein." Das ist nicht gerade das, was man kritische Distanz nennt. Ist diese Verehrung eine gute Voraussetzung, um einen Dokumentarfilm zu machen?

Naja, ich mache ja keinen investigativen Dokumentarfilm. Was ich gemacht habe, ist eher Impressionismus. Es ist ein Film-Essay, weil ich darin so viele verschiedene Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle einbringe. "Der Waldmacher" ist ein erzählerischer Film, dafür brauche ich überhaupt keine Distanz. Im Gegenteil: Ich war am Anfang vielleicht zu skeptisch, aber Tony hat mir die Skepsis mit seinem Optimismus ausgetrieben.

Der Waldmacher ist sehr religiös und schöpft aus seinem Glauben die Kraft für seine Arbeit. Hat er versucht, Sie während der Dreharbeiten zu missionieren?

Ich weiß nicht genau, ob ich gläubig bin. Religiös bin ich jedenfalls nicht. Trotzdem hat Tony nicht versucht, mich zu missionieren.

Was wollen Sie mit dem Film erreichen?

Ich möchte Tonys Methode bekannter machen. Sein Ansatz hat sich in den letzten Jahrzehnten ganz langsam von Dorf zu Dorf und von Land zu Land ausgebreitet. Wenn der Film dazu beitragen könnte, das zu beschleunigen, wäre das der schönste Lohn.

Warum sind Sie selbst oft im Film zu sehen?

Ursprünglich wollte ich das nicht. Aber ich habe schnell gemerkt, dass es unvermeidlich ist, dass ich im Film vorkomme. Es geht nicht nur um Tony, sondern auch um meinen Dialog mit Tony und wie ich darauf reagiere. Da darf man keine Scheu haben, sich mit einzubringen. Abgesehen davon, war es auch eine Budgetfrage. Der Film hat nur etwas über 400.000 Euro gekostet. Das ging nur, weil ich mit lokalen Kameramännern gearbeitet und selbst die zweite Kamera gemacht habe.

Ein alter, weißer Mann macht einen Film über einen anderen alten, weißen Mann, der sich vorgenommen hat, Afrika zu retten. Passt das noch in die Zeit?

Ja, das passt. Ich finde: Das mit den alten weißen Männern ist solch ein Unsinn! Erstens: Du kannst keinem alten Mann, egal, ob er weiß oder schwarz ist, verbieten, dass er aktiv ist. Das gilt auch für Tony und mich. Zweitens: Afrika braucht noch viele alte, weiße Männer. Aber es braucht auch noch viele junge, gelbe, grüne oder blaue Männer und Frauen. Afrika braucht einfach Hilfe. Und wo Hilfe nötig ist, da darf man nicht gucken, welches Alter oder welche Hautfarbe die Helfenden haben. Die Hilfe muss einfach geleistet werden. Ende!

Fürchten Sie Kritik?

Nein. Ich habe den Film ja nicht aus künstlerischen Gründen gemacht, sondern weil mich die Sache interessiert. Was die Kritik dazu sagt, ist mir egal.

Ist "Der Waldmacher" Ihr letzter Film?

Solche endgültigen Worte sollte man nie benutzen. Es kann sein, dass mir morgen irgendein Thema über den Weg läuft, was ich unbedingt umsetzen will. Aber wenn man es nicht unbedingt machen will, dann soll man es lassen. Nur machen, um zu machen, ist nicht nötig.

Was tun Sie für den Klimaschutz?

Ich bin für jede Art von Aktivismus und gehe auch auf Fridays-for-Future- und andere Klimaschutz-Demos. Ich versuche, den Verbrauch von Plastik zu reduzieren, aber mache ich leider genauso so wenig wie alle anderen. Aber ich bin Nachkriegskind. Sparen macht mir gar nichts aus.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Dass ich überhaupt noch da bin. Denn zu viele Freunde und Familienmitglieder sind schon auf der Strecke geblieben. Ich habe immer bewusst gelebt, bin bewusst mit meinem Körper und Kräften umgegangen. Der andere Teil sind die Gene. Ich habe auch wahnsinnig viel Glück gehabt, dass ich im richtigen Moment die richtigen Menschen getroffen habe. Filmemachen ist ja Teamarbeit. Das Wichtigste ist immer, für jeden Film das richtige Team und die richtigen Schauspieler zu finden. Vielleicht kann ich stolz darauf sein, dass ich mich in den allermeisten Fällen mit der Besetzung meiner Hauptdarsteller nicht getäuscht habe. Das hat etwas mit Menschenkenntnis zu tun, und die nimmt ja mit dem Alter zu.

Gibt es etwas, was Sie bereuen?

Man sollte nie bereuen, denn auch wenn man einen Fehler macht, entsteht daraus oft etwas Gutes. Ich habe mir abgewöhnt, zu entscheiden, ob etwas richtig oder falsch war.