Wenn Alice Schwarzer mit dem Auto durch Paris fährt, dann tut sie dies nur, weil Regisseurin Sabine Derflinger ihr das vorgeschlagen hat. "Sie wollte das eigentlich nicht machen, weil sie nie mit dem Auto durch Paris gefahren ist", sagt Derflinger. Aber weil Alice Schwarzer das Thema von Derflingers neuem Dokumentarfilm ist, konnte die Regisseurin sie dazu überreden. Und Schwarzer hat schnell begriffen, dass diese Gespräche im Auto durchaus passend sind für die Doku, weil sie eine Dynamik mit sich bringen, und auch hübsch anzusehen sind. Dann hört man in "Alice Schwarzer", der nun bei der Diagonale seine Premiere feierte, auch Sätze wie: "Als Frau muss ich keine Reifen wechseln", oder: "Ein paar Annehmlichkeiten sind natürlich schon schön". Gemeint ist in dem Fall, wenn Schwarzer etwa die Tür aufgehalten wird.

Sabine Derflinger porträtiert die deutsche Feministin und Herausgeberin der Zeitschrift "Emma" immer auch unter dem Eindruck des Menschen Alice Schwarzer, nie nur ihre Rolle als Vorzeige-Feministin; ihre Art der radikalen Formulierung von Protesten ist nicht nur gegen die Ungleichstellung der Frau gerichtet, sondern orientiert sich immer auch am Gerechtigkeitssinn; "angewandten Feminismus" nennt das Derflinger, die in der Doku reichlich Archivmaterial mit aktuellen Aufnahmen von Alice Schwarzer bei Redaktionssitzungen oder Lesungen vermengt. Aus den TV-Archiven kramte die Filmemacherin dafür legendäre Auftritte der inzwischen 79-Jährigen hervor, etwa die TV-Debatten mit "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein, mit der kontroversen Autorin Esther Vilar oder mit dem Schauspieler Klaus Löwitsch.

Zugleich blickt "Alice Schwarzer" nicht nur auf die öffentliche Wahrnehmung Schwarzers durch die Medien, sondern widmet sich in intimeren Momenten und mit ihrer Frau Bettina Flitner auch den Zweifeln, die Schwarzer bis heute gegenüber ihrem Lebenswerk hegt. Das gibt rührende, auch zärtliche Momente, in einer Doku, die mit viel Genauigkeit und Herz in die Innenwelt von Alice Schwarzer blickt.

Dokumentarfilm als wichtige Säule der Filmkunst

Traditionell hat die Diagonale ein Faible für Dokumentarfilme wie "Alice Schwarzer". Sie bilden Leben und Alltag ab, ohne zu fiktionalisieren und sind auch deshalb eine wichtige Säule der Filmkunst, weil sie Zeitgeschehen abseits der Nachrichten dokumentieren. Das macht auch "Denn sie wissen, was sie tun" von Gerald Igor Hauzenberger, der darin die Anti-Corona-Demos und ihre Protagonisten einfängt. Tausende Menschen protestieren Woche für Woche gegen die Corona-Maßnahmen, inzwischen sind viele dieser Menschen so stark radikalisiert, dass man sie mitunter rechtsextremen Kreisen zuschreibt. Hauzenberger folgt einem Rädelsführer dieser Bewegung, Alexander Ehrlich, der auf Einladung des Regisseurs an der Premiere teilnahm und für Unmut im Publikum sorgte. Die Diagonale betonte ausdrücklich, "dass wir einem Podiumsgespräch mit Ehrlich nie zugestimmt hätten". Zu Wort kam Ehrlich beim Grazer Premierenpublikum in der anschließenden Fragerunde aber ohnehin kaum, sondern wurde mit vielen kritischen Kommentaren bedacht.

Regisseurin Sabine Derflinger drehte die Doku über Alice Schwarzer. - © Katharina Sartena
Regisseurin Sabine Derflinger drehte die Doku über Alice Schwarzer. - © Katharina Sartena

Die Dokus dieser Diagonale sind vielgestaltig: So zeigt "Stories from the Sea" von Jola Wieczorek den Alltag von Jessica Willers, die als Auszubildende und einzige Frau auf dem Frachtschiff Joanna Borchard arbeitet. Allein unter Männern, zumeist Filipinos, ist diese Frau getrieben von ihrer Liebe zum Meer und zur Freiheit; abends unterhält man sich an Bord mit Karaoke, tagsüber ist das Frachtschiff unter anderem auch Ausdruck für Handel und Kapitalismus. Eine andere Erfahrung auf See macht die Witwe Amparo Fernandez, die eine Einzelkabine auf einem Kreuzfahrtschiff bewohnt, in der auch ein Porträt ihres verstorbenen Mannes aufgestellt ist. "Stories from the Sea" ist das erlebnisreiche Porträt von Frauen, die ihren Weg über das Wasser suchen.

Harte Arbeit, wenig Lohn: Haushaltshilfen im Libanon

Unangenehmere Schicksale verhandelt "Room Without a View" von Roser Corella. Die Doku zeigt die oftmals verheerenden Lebensumstände der mehr als 250.000 Haushaltshilfen im Libanon, die Migrationshintergrund haben. Sie kommen hoffnungsvoll aus Afrika, aus Bangladesch oder von den Philippinen, um relativ rasch festzustellen, dass ihre Vorstellungen vom Glück bitter enttäuscht werden. Statt einem Leben in Freiheit besteht ihr Alltag zumeist aus harter Arbeit, die ungerecht entlohnt wird. Die Regisseurin holt betroffene Frauen vor ihre Kamera und gibt ihren Schicksalen Gesichter.

Ein sehr schöner, lokaler Film stammt von dem Grazer Markus Mörth. In "Im Jakotop" spürt der Filmemacher Lebensentwürfen in seinem Heimatbezirk Jakomini nach; es ist eine Liebeserklärung an die Heimat, den Umraum, der einen formt und prägt. In vielen Begegnungen mit Menschen in diesem größten Grazer Bezirk entspinnt sich ein facettenreiches Stadt(teil)porträt, das voller Poesie steckt.

Bevor am Sonntag in Graz die Preise verliehen werden, wurde der Franz-Grabner-Preis bereits am Donnerstag vergeben: Beste Kino-Doku wurde "Weiyena - Ein Heimatfilm" von Weina Zhao und Judith Benedikt, als beste TV-Doku ging "Erich Fried - Dichter im Porzellanladen" von Danielle Proskar vom Feld. Die Preisträger dürfen sich über je 5.000 Euro freuen.