Ein Mumin tanzt nicht", sagt sie einmal trotzig. Da ist Tove Jansson noch weit davon entfernt, zu akzeptieren, dass die pummeligen Trolle einmal ihr Lebenswerk werden sollen. Ein Film begleitet die Finnlandschwedin bei ihrem Kampf um künstlerische Integrität und bei ihrer Suche nach persönlicher Freiheit. Eine Hürde ist da ihr Vater, ein Bildhauer, der nie zufrieden ist mit dem, was sie macht und ihr noch dazu die Stipendien wegschnappt. Er prägt ihr Verständnis von "wahrer" Kunst mehr, als es den nilpferdähnlichen Geschöpfen mit dem speziellen Humor gut und vor allem recht tut. Lange hält sie selbst nicht viel von ihren "Kritzeleien". Wird sie bei einer Party als "Illustratorin" oder "Karikaturistin" vorgestellt, nimmt sie das übel. Ihre Mutter ist eine bekannte Grafikerin, die für den Lebensunterhalt der Familie sorgt. Das Künstlerfamilienleben bewirkt durchaus ein spezielles Selbstbewusstsein bei Tove. Kein Wunder, immerhin ist sie - als Modell für ihren Vater - als Bronzeskulptur Convolvulus im Kaisaniemi-Park und Meerjungfrau im Wasser neben der Espa Stage im Esplanadi-Park in Helsinki anzutreffen. So antwortet sie auch auf eine herablassende Begrüßung eines großbürgerlichen Auftraggebers: "In meiner Familie bedauern wir Menschen, die keine Künstler sind. Aber ich sage dann immer, ohne Bourgeoisie hätten wir keine Arbeit".

Unerlaubte Liebe

Tove Jansson schuf die pummeligen Trolle, musste sich als Künstlerin aber erst damit anfreunden, dass "nur" diese ihr Lebenswerk sein sollten. 
- © picturedesk.com / SZ-Photo / Ingrid von Kruse

Tove Jansson schuf die pummeligen Trolle, musste sich als Künstlerin aber erst damit anfreunden, dass "nur" diese ihr Lebenswerk sein sollten.

- © picturedesk.com / SZ-Photo / Ingrid von Kruse

Der Mann, zu dem sie das sagt, ist der Vater ihrer ersten großen Liebe und auch jener Frau, die ihr mit zartem Druck beibringt, dass ihre Bilder "ganz nett" sind, die Trolle aber "etwas Besonderes". Vivica Bandler war Theaterregisseurin und sie brachte die Mumins - die sich vor einem Kometeneinschlag wappnen - zusammen mit Jansson 1949 auf die Bühne. Der Film "Tove" von Zaida Bergroth mit einer gleichzeitig unbeschwerten und grüblerischen Alma Pöysti in der Titelrolle erzählt die Beziehung der beiden Frauen: Das Finnland der Nachkriegszeit beziehungsweise seine Kunstszene zeichnet sich durch eine Liberalität aus, die sich in den Gesetzen nicht wiederfindet. Homosexualität wird erst 1971 legalisiert. Die Bohème zieht es freilich auch nach Paris, an die Rive Gauche. Das kann sich Tove, die schon Schwierigkeiten hat, ihre Miete zu bezahlen, finanziell nicht leisten. Bei Vivicas Rückkehr stellt sie fest, dass sie ihr nicht treu war - und dass Vivica das auch gar nicht kann und will. Sie hat auch einen treuen männlichen Begleiter, den sozialdemokratischen Politiker Atos Wirtanen, aber sie sieht selbst ein, dass sie ihn nicht als Lückenbüßer heiraten kann. Das allein war schon ein mutiger Schritt in den 50er-Jahren. Aber Tove Jansson war konsequent, was das Verfolgen ihres Glücks betraf. Am Ende des Films trifft sie ihren Lebensmenschen, die Grafikerin Tuulikki Pietilä, mit ihr lebte sie von 1964 bis zu ihrem Tod 2001 zusammen.

Das Anderssein

Alma Pöysti als Tove mit einem Zylinder, wie er auch Muminpapa gefallen würde. Im Bett ihre erste große Liebe, Vivica Bandler (Krista Kosonen). - © polyfilm / Sami Kuokkanen
Alma Pöysti als Tove mit einem Zylinder, wie er auch Muminpapa gefallen würde. Im Bett ihre erste große Liebe, Vivica Bandler (Krista Kosonen). - © polyfilm / Sami Kuokkanen

Im Mumin-Universum, einer Welt, in der es für Kinderliteratur erstaunlich existenzielle Widrigkeiten gibt, eben zum Beispiel einen eventuell alles vernichtenden Kometen, finden sich einige Bezüge zu Janssons Leben. Nicht nur sind die patente Muminmama (in keiner Lebenslage ohne Handtasche) und der gemächlich abenteuerlustige Muminpapa ("Aber noch herrlicher wäre es, wenn etwas Aufregendes und Schreckliches passieren würde!") von ihren eigenen Eltern inspiriert, auch ihre Beziehung zu Vivica Bandler hat sie in den Figuren Tovlas (Tove) und Vivlas (Vivica) verewigt. Die beiden sprechen in einer eigenen Sprache, der sich auch Jansson in Briefen an ihre Geliebte bedient hat. Auch in kleineren Episoden thematisiert Jansson das Anderssein: In einem Comic muss Muminmama einen Hund trösten, der das "tragische Geheimnis seines Lebens" schützen will: Er mag nur Katzen.

Tove Jansson hat nicht nur Mumincomics geschrieben (und gezeichnet), sondern auch Romane, etwa das beschaulich-heitere "Sommerbuch" - und eine Autobiografie: , "Die Tochter des Bildhauers". Der Film macht Lust darauf, sich ihre Geschichte von dieser außergewöhnlichen Erzählerin selbst berichten zu lassen.

Am Ende ihres Lebens dürfte Tove Jansson doch ihren Frieden mit ihren Trollen gemacht haben. Und natürlich tanzen Mumins. Und wie. Das hat ihnen ihre "Mutter" - zumindest lässt das der Film vermuten - mit viel Verve beigebracht.