Seit ihren frühesten Jugendtagen, als sie mit "La Boum" zum Teenagerstar wurde, steht Sophie Marceau im Rampenlicht der Filmwelt, auch international. Die Französin spielt nun in einem Drama über Sterbehilfe vor der Kamera von François Ozon: In "Alles ist gutgegangen" (derzeit im Kino) soll sie ihrem 85-jährigen Vater (André Dussolier) helfen, seinen eigenen Tod zu organisieren: Er will nach seinem Schlaganfall nicht mehr als Pflegefall dahinsiechen, sondern selbstbestimmt sterben - in der Schweiz. Marceau zeigt in diesem Drama, das auch Elemente einer Komödie mit der Schwere des Themas kombiniert, große Schauspielkunst.

"Wiener Zeitung": Frau Marceau, man hat Sie einige Zeit lang nicht auf der Leinwand gesehen, und dann dieses fulminante Comeback in einer Geschichte über Sterbehilfe. Ein schwieriger Wiedereinstieg?

Sophie Marceau: Ich hatte mich einige Zeit zurückgezogen, um mein Leben neu zu ordnen, mich neu zu orientieren, aber als ich von François Ozon das Drehbuch zu diesem Film in die Hände bekam, war es für mich gleich verlockend, wieder zu drehen. Einerseits, weil der Film auf dem autobiografischen Roman der verstorbenen Schriftstellerin Emmanuèle Bernheim basiert, die mit François befreundet war und ich toll fand, was Ozon daraus gemacht hatte. Andererseits ist das Thema wahnsinnig wichtig.

Welche Meinung haben Sie zur Sterbehilfe?

Ich wünschte, ich hätte eine akzentuierte Meinung. Ich hatte einmal einen Hund, der lange Zeit sehr krank war, und als es nicht mehr ging, riet mir der Arzt, ihn einschläfern zu lassen. Aber der Weg dorthin, all die Jahre des Leids, das dieses Tier ertragen musste, das lastete schwer auf mir. Ich habe richtig gespürt, welche Last von ihm abfiel, als es vorbei war. Aber kann man das in eine eindeutige Meinung umlegen? Ich denke, es ist für jeden, der vor einer solchen Situation steht, eine immense Belastung und ein ungeheures Dilemma.

Wie sehr haben Sie sich selbst mit dem Tod auseinandergesetzt?

Irgendwann kommt man in das Alter, wo man das zwangsläufig tun muss. Bei mir begann das vor einigen Jahren, als meine Mutter starb. Haben Sie sich schon damit auseinandergesetzt? Ich meine, irgendwann wird es für alle von uns unausweichlich sein. Aber darüber reden wir nicht gerne. Wir schieben das Sterben weg, als gehöre es nicht zum Leben. François Ozon hat diesen Film sehr linear und geradlinig erzählt, wie das Leben in Bezug auf das Sterben eben auch ist. Hier ist es ein alter Mann, ein Vater, der despotisch sein konnte und seine Familie auch emotional erpresst hat. Er hat sich lange für unsterblich gehalten, aber das ist er nicht. Ich finde, der Film passt auch gut in unsere Zeit: Seit mehr als zwei Jahren befasst uns die Pandemie doch permanent mit dem Tod und dem Sterben. Die Leute haben plötzlich mitbekommen, dass sie sterblich sind. Das Reden über den Tod ist wahnsinnig wichtig, um das Ende nicht immer zu tabuisieren.

Ihre Figur ist im Unterschied zum Vater wenig aufbrausend. Sie hat immer das getan, was der Vater verlangt hat.

Das ist richtig. Selbstbestimmt war diese Frau in Hinblick auf ihren Vater nie. Sie hatte nie eine Wahl; und so wird aus ihr der Kompagnon, der den Weg mit bis zum allerletzten Atemzug geht. Eine solche Figur zu spielen, ist für einen Schauspieler eine Fundgrube, weil man tief in die Innenwelt des Protagonisten eindringen muss, um diese stille Unterdrückung auch darstellen zu können. In ihr schlagen in Wahrheit zwei Seelen, und das wirft Fragen auf. Widersprüche sind ganz wunderbar für das Kino.

Was begeistert Sie immer noch an Ihrem Beruf?

Es ist das Verkleiden und das Hineinschlüpfen in eine andere Seele. Und ich mag es, die Dialoge der Figuren zu sprechen, weil sie immer smarter und schlagfertiger sind als meine! Das war eigentlich schon immer so, schon als ich mit "La Boum" anfing.

"La Boum" ist ein Film, der bis heute gezeigt wird, auch im deutschen Sprachraum. Überrascht Sie das?

Es ist wirklich unglaublich. Ich fürchte, auch die jüngeren Generationen kennen den Film. Das ist zumindest in Frankreich so. Es gibt neunjährige Mädchen, die mich auf der Straße ansprechen, weil sie gerade irgendwo "La Boum" gesehen haben. Meistens sind es aber die Mütter dieser Mädchen, die mich erkennen und dann ihre Töchter ermutigen, mich anzusprechen, denn diese Mütter kennen mich wirklich schon eine lange Zeit.

Was hat diese frühe Exposition vor der Kamera mit Ihnen gemacht?

Das hat mein Leben zu 100 Prozent verändert. Und dieses der Öffentlichkeit Ausgesetztsein hat mich in manchen Lebensphasen an den Rand des Erträglichen gebracht. Es ist zum Beispiel großartig, Interviews zu geben, weil ich dabei so viel lerne und Neues erfahre. Aber gerade, wenn man jung ist, kann einem der Medienrummel schnell zu viel werden. Deshalb bin ich gern in meinem Haus und gehe oft gar nicht raus. Ich habe immer das Leben einer Schauspielerin gelebt, ich kenne es nicht anders. Und kann über mich nicht viel erzählen, denn ich lebe mein Leben mit diesen Filmen, die ich gemacht habe.

Heute werden manche Kids oftmals über Nacht zu Stars, in den sozialen Medien oder auf Youtube. Was denken Sie darüber?

Dass diese Teenies unter enormem Druck stehen. Denn die Medien und die Follower wollen immer was Neues sehen, es gibt online keine Pausen und einen Drang zur Perfektion. Wir wurden damals streng beschützt, aber heute scheinen viele Youtube-Stars eher schutzlos zu sein. Ich habe damals gelernt, wie man autonom ist und welche Gefahren es gibt. Wenn du heute keine Bodenhaftung hast, dann bist du in Gefahr. Ich würde heute lieber kein Kinderstar sein wollen. Ich glaube, dass viele mit dem vermeintlichen Ruhm nicht umgehen können und auch gar nicht merken, dass sie von einer Industrie zu Stars gemacht werden, der es bloß ums Geld geht. Denn nichts anderes steckt ja hinter den meisten Youtube-Stars: Ein Konzern, der ein Produkt verkaufen will. Das hat nichts mit Ruhm zu tun.