Wo, wenn nicht in Paris sollte sich eine Geschichte über Liebe und Begierde besser verorten lassen? Jacques Audiard greift in "Wo in Paris die Sonne aufgeht" drei kurze Geschichten des amerikanischen Comic-Zeichners Adrian Tomine auf und verfilmt sie in betörend sinnlichem Schwarzweiß; es geht um drei junge Frauen und einen jungen Mann, die allesamt Liebhaber sind - aber auch Freunde. Jugendliche Orientierungslosigkeit, die in der berühmten Suche nach sich selbst gipfelt, auf dem Weg dorthin aber keine Gelegenheit für schnellen Sex auslässt. Émilie (Lucie Zhang) zum Beispiel: Studium an der Elite-Uni, aber nun bloß billige Jobs und Gelegenheits-Sex (bei jeder Gelegenheit). Oder der Lehrer Camille (Makita Samba), der erfüllende Liebe als Illusion bezeichnet und ebenfalls lieber wahllos herumvögelt. Oder Louise (Jehnny Beth): Die hat den Sex als Geschäft begriffen und bietet erotische Dienstleistungen im Internet an.

Modernes Dating-Verhalten

So altmodisch französisch dieses elegant gefilmte Drama auch wirkt, so heutig thematisiert es das aktuelle Dating-Verhalten junger Menschen. Die Suche nach Sex und Lebenssinn gleichermaßen, das ist in Jacques Audiards Film ganz selbstverständlich, sein lustvoller Blick auf das 13. Pariser Arrondissement ist aber weniger Beziehungsfilm, sondern eine Studie über die Liebe in Zeiten von Tinder, bei der Diversität mindestens ebenso großgeschrieben wird wie die verzweifelte Suche nach innerer Erfüllung.