Man muss die archaische Beschaffenheit dieser Welt schon mögen, um sich mit "The Northman" anzufreunden; einem Film, der zu einer Zeit in die Kinos kommt, in der man glaubt, über die Wikinger schon alles zu wissen. Schließlich hat die Serie "Vikings" ab 2013 in sechs Staffeln das Leben und Sterben im Wikinger-Universum abgebildet und dabei Traum-Quoten eingefahren. Neuerdings ist man bei Netflix mit der Nachfolgeserie "Vikings: Valhalla" bestens versorgt.

Aber irgendwie haben die Wikinger im Fernsehen dann doch zu adrette Frisuren und zu gut sitzende Kilte, als dass man ihnen ihre gespielte Urtümlichkeit wirklich glauben könnte. Sie sind Kopfgeburten der Marketingabteilungen von Studios, die mit diesen Figuren Geld verdienen wollen. Zu dreckig darf es dabei nicht werden.

Da ist "The Northman" ein Film von ganz anderen Dimensionen: Dreckig sein, das ist überhaupt erst die Voraussetzung, um dabei zu sein. Robert Eggers ("Der Leuchtturm") hat sich des Stoffes angenommen und daraus den bisher vielleicht düstersten Wikinger-Film aller Zeiten gedreht. Und das mit Star-Besetzung.

Auf Hamlets Spuren

Die Geschichte kreist um den jungen Amleth (Oscar Novak), der als Kind mitansehen muss, wie sein Onkel Fjölnir (Claes Bang) seinen Vater, den Wikingerkönig Aurvandil (Ethan Hawke), brutal ermordet, weil Fjölnir selbst nach der Macht strebt. Das Jahr ist 895, es ist keine wirtliche Zeit.

Amleth schwört jedenfalls Rache für die Tat, und 30 Jahre später erhält er Gelegenheit dazu: Nicht nur will Amleth, jetzt gespielt von Alexander Skarsgård, den Tod des Vaters rächen, sondern auch seine Mutter (Nicole Kidman) aus der Gefangenschaft befreien und dem Onkel endlich den Kopf abschlagen. Er reist mit seiner Wikingerhorde nach Island auf die Farm von Fjölnir, wo er sich als Sklave ausgibt und mit der Seherin Olga (Anya Taylor-Joy) einen durchtriebenen Vergeltungsschlag vorbereitet.

Es ist unnötig zu erwähnen, dass "The Northman" in Brutalität und Blutrünstigkeit nur schwer zu übertreffen ist; Regisseur Eggers, der vom Independent-Film kommt, macht auch mit einem Hollywood-Budget von rund 100 Millionen Dollar keine Kompromisse und lässt seiner Liebe zum historisch mehr oder weniger akkuraten Detail freien Lauf. Dazu gehören auch die weitläufige Landschaft, die fahlen Farben der Dämmerung, die perfekt choreografierten Schlachtengemälde und die immense Körperlichkeit der Figuren, allen voran die Ausstellung von Körper und Kampfgeist seines Helden Amleth. Dem hinzu gesellen sich eine Vermischung von Menschlichkeit und tierischer Tollwut, aber auch eine spirituelle Ebene webt Eggers in den Film ein. Zugleich ordnet der Regisseur dieser, seiner erdachten Ästhetik vieles unter, um die Kraft der Bilder zu betonen. Das wiederum läuft der angestrebten Urtümlichkeit zuwider, da gerade das Abschlachten im Kampf und die oftmals rudimentäre Lebensweise in einer schön gerahmten Bildkomposition befremdlich wirken.

"The Northman" liegt übrigens jene Wikinger-Saga zugrunde, die später einmal als Vorlage für William Shakespeares "Hamlet" dienen sollte - daher stammt die Ähnlichkeit beim Namen des Protagonisten. "The Northman" hebt sich aber vom berühmten Stück ab, Düsternis und Atmosphäre sind Eggers große Anliegen, nicht so sehr die Sprache: Denn da hätte er gegen Shakespeare ohnehin keine Chance.