Es gibt viele Debatten, die Alice Schwarzer in ihrem Leben losgetreten hat. Als Ikone einer Frauenbewegung ist sie, die heuer im Herbst ihren 80. Geburtstag feiern wird, immer noch die Heldin von Generationen von Frauen, deren Lasten und Bedürfnisse sie formuliert hat. Mit ihrer Zeitschrift "Emma" hat sie sich ein eigenes Sprachrohr geschaffen, das auch dieser Tage wieder in aller Munde ist. Der darin von Schwarzer und 27 weiteren prominenten Unterstützern verfasste offene Brief an den deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz forderte diesen auf, keine schweren Waffen in die Ukraine zu liefern. Was für die einen "Sofa-Pazifismus" ist, ist für die anderen die genau richtige Maßnahme zur richtigen Zeit. Das Polarisieren über die Medien hat Schwarzer jedenfalls nie verlernt.

Das hat auch Sabine Derflinger gespürt, als sie Alice Schwarzer für ihren Dokumentarfilm "Die Dohnal" zum Interview getroffen hat. Damals wurde der Grundstein für Derflingers nächste Doku gelegt. "Alice Schwarzer", der Film, ist die logische Folge in der Filmografie einer Regisseurin, die sich immer wieder um die Gleichstellung der Frau bemüht hat - in ihrem Werk wie auch als Privatperson. Über Alice Schwarzer ein Porträt zu drehen, das erfordert das nötige Fingerspitzengefühl, denn einerseits will man diese Frau nicht in einer starren Struktur einschließen, andererseits musste man sie in gewisse Bahnen lenken, um überhaupt eine filmische Struktur zu erhalten. Dieser Spagat gelingt Derflinger vortrefflich.

Für "Alice Schwarzer" wählte Derflinger eine zwischen Gegenwart und Vergangenheit changierende Erzählweise; sie rollt den Werdegang Schwarzers nicht chronologisch auf, sondern unterbricht ihn filmisch mit vielen Bildern aus Schwarzers Gegenwart: Etwa, wie sie bis heute in der "Emma"-Redaktion die Redaktionssitzungen leitet und bis ins Detail bei den geplanten Geschichten mitredet. Oder wenn Schwarzer mit Derflinger im Auto durch Paris kreuzt und sich aus dieser dynamischen Szenerie eine ganz neue Annäherung an ihre Person ergibt. Auch, dass Schwarzer, die bis vor wenigen Jahren ihr Privatleben unter Verschluss hielt, hier mit ihrer Ehefrau Bettina Flitner vor Derflingers Kamera tritt, ist bemerkenswert und zeugt vom großen Vertrauen, das sie der Filmemacherin entgegengebracht hat.

Tief im TV-Archiv

Ein großer Trumpf von "Alice Schwarzer" ist das Archivmaterial, das die einstige "Star-Feministin" und allerorts als Talk-Show-Dauergast auftretende Frau in all ihrer Vehemenz zeigt: Egal, ob sie Schauspieler Klaus Löwitsch vor laufender Kamera in Grund und Boden redet oder mit der Autorin Esther Vilar 1975 im WDR energisch über deren Buch "Der dressierte Mann" debattiert - ein Auftritt Schwarzers war und ist oftmals Garant für viel Aufregung. Die Talkshow mit Vilar wurde zu Schwarzers "Durchbruch", wochenlang bestimmte die Sendung die Schlagzeilen.

Der Film streift noch viele weitere Seiten aus Alice Schwarzers Leben, vom Prozess gegen den "Stern" über ihre Rolle in der "Causa Kachelmann" bis hin zum intimen Gespräch Schwarzers mit ihrer Freundin Romy Schneider, das sie einst auf Tonband aufnahm: Der Facettenreichtum des Films und sein unaufdringlicher, eleganter Schnittrhythmus sorgen für Kurzweil in der 130 Minuten langen Kinofassung. Am Ende überwiegt das Gefühl, jemanden gerade erst kennengelernt zu haben, den man längst zu kennen glaubte.