Als Claude Sautet (1924-2000) im Jahr 1970 den Film "Die Dinge des Lebens" herausbrachte, da war das nicht nur eine ganz wunderbar gespielte Tragödie um ein Liebespaar, das am Steuer eines Autos endete, sondern auch die Geburtsstunde und Erfindung von Romy Schneider als französische Filmikone österreichischer Provenienz. Romys Liebreiz der "Sissi"-Jahre erweiterte Sautet um ein ganzes Universum an Gefühlslagen: um Trauer, Traurigkeit, um überschäumende Begeisterung, Lebensmut und unglaubliche Erotik. Unter Sautets Regie drehte Romy Schneider ihre wichtigsten Filme, insgesamt fünf Mal arbeitete sie mit Sautet zusammen. Der Auftakt "Die Dinge des Lebens" an der Seite von Michel Piccoli wurde zum vielleicht wichtigsten und schönsten Film ihrer Karriere. Es folgten "Das Mädchen und der Kommissar (1971) und die vor Hin- und Hergerissenheit sprühende, aufbrausende Dreiecksgeschichte "César und Rosalie" (1972) mit Sami Frey und Yves Montand. Nie mehr war Romy Schneider in solcher Spielfreude zu sehen, weil ihrer Figur hier so viel Lebensmut eingeschrieben war. Für Sautet war die Figurenzeichnung stets wichtiger als die Handlung an sich: "Die Figuren stehen immer im Zentrum meiner Filme und sind meine Bekannten, die ich aus meiner Jugend kenne oder aus späteren Tagen. Ich kann nur erzählen, was ich kenne. Bei mir ist das die Pariser Banlieue", sagte Sautet dem Autor Michel Boujut, der bereits 1994 eine Sammlung mit Gesprächen mit dem Regisseur als Buch veröffentlichte. 2014, nach dem Tod Boujuts, erschien eine stark überarbeitete und erweiterte Buchfassung, die nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt und für Freunde des französischen Kinos ein reiches Panoptikum zu Sautets Kunst ist.

Truffaut nannte Sautet den "französischsten aller Regisseure", und ohne dies genauer zu definieren, hatte er wohl recht: Zwar warf man ihm oftmals vor, sich mehr um die Sorgen der Bourgeoisie zu kümmern (was gibt es Französischeres als die Bourgeoisie?), aber dennoch war Sautet mit seinen Filmen sehr nah an den Figuren und ihren Sorgen.

Von Schneider zu Béart

Das Arbeiterdrama "Eine einfache Geschichte" (1978) brachte Romy Schneider ihren zweiten César, und auch nach ihrem Tod suchte sich Sautet eine Muse, die er zur schauspielerischen Vollkommenheit führen konnte: Mit Emmanuelle Béart drehte er "Ein Herz im Winter" (1992) und den famosen "Nelly und Monsieur Arnaud" (1995), seinen letzten Film. In Béart sah er einen ähnlichen Ausdrucksreichtum wie in Romy Schneider; beide Schauspielerinnen konnten ganze Geschichten mit wenigen Blicken erzählen.

In den umfangreichen Gesprächen, die das Buch versammelt, zeigt sich die Genese von Sautets stets schlichter, aber effektiver Inszenierungsweise: "Ich will normale Menschen beschreiben", sagt Sautet. "Normal oder banal, obwohl sie in ihren Lebensumständen privilegiert sind". Damit die Banalität seiner Figuren niemals banal wirkt, griff Sautet nicht nur zu den besten Schauspielern seiner Zeit, sondern auch zu dem Trick, detailversessen zu sein. Wie der Unfall von Piccoli in "Die Dinge des Lebens". "Erst dieser Unfall lässt alles Vorangehende bedeutsam erscheinen", sagt Sautet. "Erst die Bedrohung und das Spektakuläre des Unfalls lassen mich das Banale behandeln."