Wäre das Festival von Cannes keine Filmschau, sondern ein Blockbuster, dann würde sein Titel heuer in etwa so lauten: "Cannes 22: Die Rückkehr". Oder "Corona Cannes mir nichts". Oder "Das große Cannes-Back". Ha. Ha.

Jedenfalls muss es bombastisch sein: Thierry Frémaux, der künstlerische Leiter des wichtigsten Filmfestivals der Welt, will mit der Eröffnung der 75. Filmfestspiele an der Croisette die triumphale Rückkehr alter Zustände feiern - die da wären: Menschentrauben vor den Kinos und am roten Teppich, Starlets und Stars, jede Menge Filmpartys, prestigeträchtige Filme und Glamour möglichst ohne Masken. Die sind fürs Make-up nicht so gut.

Eröffnung: "Final Cut" von Michel Hazanavicius. - © Festival Cannes
Eröffnung: "Final Cut" von Michel Hazanavicius. - © Festival Cannes

Zur Jubiläumsausgabe hat sich Cannes ein hübsches Plakat gegönnt, es zeigt eine Schlüsselszene aus Peter Weirs "Die Truman Show" (1998) mit Jim Carrey als TV-Star wider Willen. "Der rote Teppich, der die Stufen hinaufführt zur Hoffnung, im Rampenlicht zu stehen. Eine poetische Feier der unüberwindlichen Suche nach Ausdruck und Freiheit. Eine Reise nach oben, um über die Vergangenheit nachzudenken und sich dem Versprechen einer Erweckung zu nähern". All das sieht das Festival in einer offiziellen Aussendung in dem heurigen Plakat. "Wie schon 1939 und 1946 bekräftigen die Festspiele erneut ihre feste Überzeugung, dass Kunst und Kino der Ort der Kontemplation und der Erneuerung der Gesellschaft sind. Und doch bleibt Cannes seinem Gründungsversprechen treu, das in Artikel 1 seiner Satzung verankert ist: ‚Der Zweck des Festival International du Film ist es, im Geiste der Freundschaft und der universellen Zusammenarbeit hochwertige Filme im Interesse der Evolution der Filmkunst zu zeigen".

Das klingt vielversprechend, und angesichts der Weltlage ist es natürlich wichtig, sich selbst ausreichend Legitimation zu verleihen. So schwer gebeutelt wie die Filmwelt in den letzten beiden Pandemie-Jahren auch war: Mit einem Krieg "on top" hatte man in Cannes natürlich nicht gerechnet, noch dazu mit einem Krieg, der wesentlich in das Festival hineinspielt: Nicht nur hat das Festival nach Kriegsbeginn in der Ukraine bekannt gegeben, dass man russische Delegationen jeglicher Art heuer beim Festival lieber nicht empfangen will, sondern man hat auch die russische Presse weitgehend ausgeladen: Allen russischen Medien, die dem Ukraine-Krieg nicht kritisch genug gegenüber stehen, wurden die Akkreditierungen verwehrt. Kommen darf nur ein kleiner Rest an unabhängigen Medien, der nicht unter Putins Kontrolle steht.

Russland wird
"nicht boykottiert"

Einem Boykott komme das nicht gleich, befand Festivalchef Frémaux in einem "Variety"-Interview: "Die Stärke von Cannes besteht darin, zu respektieren, wer wir sind, indem wir andere respektieren. Wir geben der politischen Korrektheit nicht nach, wir geben dem kulturellen Boykott nicht nach. Wir gehen von Fall zu Fall vor".

Öffnen will man sich jedenfalls den Kritikern Russlands: "Wir möchten den Mut all jener in Russland würdigen, die Risiken eingegangen sind, um gegen den Angriff und die Invasion der Ukraine zu protestieren", hieß es in der Erklärung des Festivals vom 1. März. "Unter ihnen sind Künstler und Filmschaffende, die nie aufgehört haben zu kämpfen gegen das gegenwärtige Regime".

Russische Filmschaffende - die meisten davon sind ohnehin Putin-kritisch - sind von der Ausladung nicht betroffen, zumindest nicht die, die im Westen schon immer viel Gehör für ihre Anti-Putin-Haltung gefunden haben. Weshalb mit "Tchaikovsky’s Wife" der neue Film des Kreml-Kritikers Kirill Serebrennikov hier uraufgeführt wird, nachdem der Regisseur nach einer angeblichen Veruntreuung von Geldern lange Jahre nicht verreisen konnte und unter Hausarrest gestellt war. Inzwischen lebt Serebrennikov in Deutschland, was sein Kommen nach Cannes erst ermöglicht.

Die Einflussnahme des Krieges geht sogar soweit, dass Produzenten von Filmen, die in Cannes zu sehen sein werden, im Vorfeld die Titel abgeändert haben: Etwa der Eröffnungsfilm "Final Cut" von Michel Hazanavicius ("The Artist"), der ursprünglich "Z" hieß. Das "Z" ist zu einem Symbol für die Unterstützung des russischen Angriffskrieges geworden, weshalb man die Zombiekomödie vorsichtshalber umgetauft hat. Eine Bekundung der Solidarität der Filmemacher "mit dem leidenden ukrainischen Volk".

Die Masken fallen,
die Filme strahlen

Spannend wird die Frage, wie die Russen, die an der Cotê-d‘Azur leben, mit dem Bann umgehen. Mehr als 20.000 Russen sollen hier Besitz haben, viele der ersten Häuser auf der Croisette sollen in russischer Hand sein, nicht selten maskiert und darob unsichtbar über französische Investment-Firmen. Überhaupt ist die Cotê-d’Azur bevorzugtes Investitionsgebiet für Oligarchen und neureiche Russen, speziell am unweit gelegenen Cap d‘Antibes und den umliegenden Orten.

Ein Spannungsfeld ist jedenfalls gegeben, genau wie auch in Hinblick auf den Umgang der Filmschau mit der Pandemie, die man in Cannes für so gut wie beendet erklärt hat. Die Maskenpflicht ist weitgehend gefallen, und so wird es auch beim Filmfestival in den Kinosälen diesmal nur eine Empfehlung für das Tragen von Schutzmasken geben. ImVorfeld ist bisher jedenfalls keine schärfere Gangart zur Corona-Prävention angekündigt worden.

Bleibt dann noch die eigentliche Hauptsache des Festivals: Das Filmprogramm. Alte Bekannte wie die Dardenne-Brüder, David Cronenberg, Mario Martone, Arnaud Desplechin oder Jerzy Skolimowski sind mit ihren neuen Arbeiten im Wettbewerb vertreten, wohin es diesmal immerhin auch vier Frauen geschafft haben, darunter Kelly Reichardt und Claire Denis. So richtig hat sich der weiße Altherrenclub in Cannes aber noch nicht von seiner Beinahe-Exklusivität verabschiedet.

Aus Österreich dabei ist mit "Corsage" der neue Film von Marie Kreutzer (in der Reihe "Un certain regard"), der die "Sissi"-Geschichte mit Vicky Krieps neu erzählt. Im Blockbuster-Bereich lässt man "Top Gun: Maverick" mit Tom Cruise vom Stapel, der Schauspieler bekommt auch einen Ehrenpreis. Und: Baz Luhrmann ("Moulin Rouge") zeigt sein lang erwartetes Bio-Pic "Elvis" mit Austin Butler als Elvis Presley, betörender Hüftschwung inklusive. Man hat sich also Star-Power eingekauft: Cannes will zeigen, dass Krieg und Pandemie dem Festival nichts anhaben können. Den Beweis dazu muss man erst antreten.