Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat am Dienstag eine überraschende Ansprache bei der Eröffnungsfeier der Filmfestspiele von Cannes gehalten. In seiner per Video in den Saal übertragenen Rede rief er - gewohnt im kurzärmeligen T-Shirt - die Filmbranche auf, sich politisch gegen Hass und autoritäre Herrscher zu engagieren. 

Selenskyj spielte auf Charlie Chaplins Filmklassiker "Der große Diktator" an und sagte: "Am Ende wird der Hass verschwinden und die Diktatoren werden sterben". Chaplins im Jahr 1940 uraufgeführtes Werk gilt bis heute als besonders wirkmächtige Satire gegen Adolf Hitler.

"Wir brauchen einen neuen Chaplin um zu beweisen, dass die Filmwelt nicht stumm ist", sagte Selenskyj. Mit Blick auf den russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine fragte er: "Wird die Filmwelt still bleiben oder wird sie die Stimme erheben?" Das Publikum quittierte seine Rede mit stehenden Ovationen.

Spannend ist das schon: Der ehemalige Komiker Selenskyj spricht in allem Ernst zu diesem Premierenpublikum, das nur wenig später die Zombie-Splatter-Komödie von Michel Hazanavicius als Eröffnungsfilm des Festivals kredenzt bekommt. Darin geht ein Regisseur (Romain Duris) über die Grenzen seiner "Kunst", um ein Remake eines japanischen TV-Spektakels zu inszenieren: Live und ohne Schnitt soll in 30 Minuten eine Zombie-Orgie entstehen, das alles kriegt man vorweg zu sehen, ehe Hazanavicius die Vorgeschichte zu diesem schrillen und überaus blutigen Filmdreh enthüllt. Es ist in der Tat ein Remake des japanischen Kultfilms "One Cut of the Dead" von Shinichirô Ueda aus dem Jahr 2017, das wiederum auf einem Remake basiert. Dazu gesellt sich eine Metaebene und in Hazanavicius’ Version zudem eine europäische Reflexion auf japanische Befindlichkeiten. 

Ein bisschen viel? Vielleicht, denn der außer Konkurrenz gezeigte Film schwurbelt lange zwischen bedeutungsschwanger und nichtssagend. Man darf sich aussuchen, wofür man ist. Albern und exzentrisch ist der Film allemal, bizarr und meist ohne Raffinesse. Entgegen seines vor zehn Jahren gezeigten "The Artist" über die Welt des Stummfilms kann "Coupez!" nicht verblüffen, dazu ist das Thema zu platt, auch, wenn es so tut, als wäre da viel Unterlage. Als Film-im-Film und für die Eröffnung eines Festivals wie Cannes passt "Coupez!" aber gut ins Programm, zumal man ja dieses Jahr besonders auf die Rückkehr des Kinos setzt, auf die Leinwand, wo - wie in diesem Fall - ordentlich was los ist und das Blut spritzt. "Coupez!" erinnert in seiner Schwankhaftigkeit aber weniger an Kino als vielmehr an theatralische Abende voller Jux und Tollerei. 

Und so ist an diesem Film das Erstaunlichste seine erste halbe Stunde, die tatsächlich in nur einem Take gedreht zu sein scheint. Das erfordert Koordination und Können, beides klappt hier ganz gut. 

Für die Festspiele heißt all das: Sich Hineinwerfen ins Getümmel, bei dem niemand mehr eine Maske braucht, denn die Pandemie ist hier abgesagt: Die Maskenpflicht in den Innenräumen und im Kino existiert nicht mehr, man hofft, zu den Glücklichen zu zählen, die kein Corona mehr zu fürchten brauchen. Die nächsten Tage werden zeigen, ob die Hoffnung in Erfüllung geht.