Die Sache ist ganz einfach: Wer seine Handfläche am längsten auf dem Truck liegen hat, gewinnt ihn am Ende. Das Problem ist nur: Es gibt starke Konkurrenz, hier im ruralen Texas, in dem sich solche Wettbewerbe wie auch im Rest der USA großer Beliebtheit erfreuen: Alle Teilnehmer sind fest entschlossen, dieses Auto vom lokalen Autohaus zu gewinnen, denn wer am Land was gelten will, der fährt einen nagelneuen Pickup! Nicht jeder ist der Aufgabe gewachsen: Denn schließlich geht es darum, mitunter mehrere Tage und Nächte durchzuhalten, im Stehen, und ohne moralische Unterstützung.

Der deutsche Regisseur Bastian Günther, der in Texas lebt, hat diese Geschichte zu einem Kammerspiel verdichtet, das noch dazu auf einer wahren Begebenheit beruht, die für einen Teilnehmer gar letal geendet hat. "One of These Days" (jetzt im Kino) ist großartiges Independent-Kino aus den USA, mit dem Blickwinkel eines Deutschen auf diese Nation, die Sinn und Unsinn ihrer Identität nur schwerlich voneinander trennen kann.

Bastian Günther lebt in Berlin und Austin (Texas). - © Filmladen
Bastian Günther lebt in Berlin und Austin (Texas). - © Filmladen

"Wiener Zeitung": Die Teilnehmer des Wettbewerbs im Film stehen 40, 80, 120 Stunden an dem Truck, den sie gewinnen wollen. Woher kommt diese Begierde?

Bastian Günther: Das ist eine gute Frage. Ich denke, dass viele Menschen in den USA nach Statussymbolen trachten, zugleich aber auch ihren Alltag bewältigen müssen, und so ein Pickup-Truck ist dabei sehr hilfreich. Ich habe diese Geschichte nach einer wahren Begebenheit verfilmt, weil ich zeigen wollte, wie sehr diese Bedürfnisse auch ins Chaos und in eine Tragödie führen können. Es ist eine Ausnahmesituation, in der sich diese Teilnehmer befinden, und in einer solchen Situation ist es oft möglich, dass jemandem die Sicherungen durchbrennen.

Was interessiert Sie am zeitgenössischen, ländlichen Amerika?

Es ist die Gegend, wo ich mit meiner Familie lebe. In Austin, Texas, gibt es viele solcher Wettbewerbe, im Rest des Landes auch. Meine Frau hat mich auf eine TV-Doku aufmerksam gemacht, die von diesem Wettbewerb berichtete, und meinte: Das würde mir viel über Amerika erzählen. Der Wettbewerb basiert im Grunde darauf, Menschen auszubeuten, die kein Geld haben, um sich selbst einen solchen Truck zu kaufen. Man nutzt sie als Unterhaltung für Leute, die dort vorbeifahren, eine Stunde zuschauen und dann weiterfahren. Die Schicksale der Teilnehmer interessieren niemanden. Der Händler will Werbung für seine Autos machen, die Teilnehmer sind ihm letztlich egal. Darin liegt die Wurzel für diese Geschichte.

Die Situation, mit zehn anderen Fremden um einen Truck herumzustehen, das ist auch ein Spiegelbild dieser Gesellschaft, nicht?

Genau! Turbokapitalismus lautet das Schlagwort: Alle machen mit und wer nicht mitkommt, der scheidet aus. Das System ist grauenvoll. Wer nicht mitschwimmt, ist verloren. Daraus einen Film zu machen und ihn in eine relativ simple Geschichte zu fassen, war mein Ziel bei diesem Film.

Es ist ein Film, der keine wirklichen Sieger kennt, auch keine Antagonisten. Bösewichter gibt es hier nicht.

Das stimmt. Es ist ein sehr offener Film, und ich bin dafür, dass viele Filme offen sind. Denn daraus lässt sich ein Gesellschaftsbild viel besser skizzieren, als wenn von vorneherein die Rollen klar verteilt sind. Niemand ist ja nur gut oder böse. Alle sind beides. Und hier, in dieser kammerspielartigen Situation, ergibt sich ein intimer Blick auf viele Facetten des Menschseins.

Was bedeutet dieses Setting für die Arbeit mit den Schauspielern?

Ich habe die erste Fassung des Films 2016 geschrieben und dann mit dem Casting begonnen. Mir war wichtig, dass die Schauspieler möglichst keine Distanz zueinander haben, da sich die Filmfiguren ja mehr oder weniger kennen, weil sie aus dem lokalen Umfeld stammen. Eine Mischung aus Distanz und Nähe war also wichtig. Wir haben schon lange geprobt, vor allem für die Szenen, in denen die Situation am Auto an gewisse Grenzen stößt. Das sollte wahrhaftig wirken.

Auch visuell mussten Sie Einfallsreichtum beweisen. Schließlich ist der Schauwert einen Trucks mit lauter Händen drauf irgendwann endenwollend.

Das stimmt, deshalb ist auch die psychologische Steigerung der Handlung wichtig, und auch der Umstand, dass man dem Publikum keine Klischees präsentiert, sondern Figuren, von denen man nicht alles weiß. Das hält den Film spannend. Auch Musik und Schnitt liefern keinen Hinweis, wohin sich die Geschichte entwickeln könnte. Das finde ich sehr wichtig.

Glauben Sie, dass Sie eine andere Perspektive auf die amerikanische Nation einbringen, weil Sie Deutscher sind?

Ich lebe in Austin und Berlin und bringe daher auf jeden Fall eine andere Perspektive auf das Thema ein. Ich sehe als Außenstehender sicher andere Dinge als jene Menschen, die dort leben und daran gewöhnt sind. Zugleich bin ich aber auch schon lange in den USA und habe ein Gefühl für die Menschen dort. Vielleicht ist es diese Mischung, die meine Sichtweise auf die US-Gesellschaft besonders prägt.