Vor 26 Jahren hatte mit "Irma Vep" ein Film in der Cannes-Reihe "Un certain regard" Premiere, der das Filmbusiness mit großer Leichtigkeit porträtierte. Regisseur Olivier Assayas liebt es, über das Kino an sich und über seine Protagonisten nachzudenken, das hat er seither in vielen seiner Film mit Leidenschaft getan. Die Geschichte von "Irma Vep" bot allerdings noch mehr Stoff als nur für einen Film, und so zeigte Assayas in Cannes außer Konkurrenz, was er dem ursprünglichen Konzept noch so alles hinzufügen wollte. "Irma Vep" in der Fassung von 2022, das ist eine Miniserie in acht einstündigen Folgen, produziert mit amerikanischem Geld für HBO, und starbesetzt mit Alicia Vikander. Es ist eine kleine Revolution: Assayas hat es geschafft, eine TV-Serie ins Cannes-Programm zu bringen, wo man sonst einzig und allein auf das Kino schwört und Streamingdienste wie Netflix konsequent aus dem Wettbewerb heraushält.

Das Besondere an der Serie "Irma Vep" aber ist, dass sie gar keine Serie sein will – nicht nur wurden die ersten drei Folgen als zusammenhängender Feature Film gezeigt, sondern auch in der Serie selbst geht es um einen Regisseur, der an einer Serie arbeitet, die wiederum ein Remake einer Filmreihe aus dem Jahr 1915 ist. Dieser Regisseur, René Vidal (Vincent Macaigne), ist davon überzeugt, dass er gar keine Serie dreht, sondern einen Film, der eben in einige Kapitel unterteilt ist: Diese süffisante Selbstreflexion der Filmbranche ist also die Grundlage für die Serie und bringt damit das Serienthema als Solches in die Debatte hinein.

Szenenfoto aus "Irma Vep": Vikander im Catsuit. 
- © Festival de Cannes/HBO

Szenenfoto aus "Irma Vep": Vikander im Catsuit.

- © Festival de Cannes/HBO

Außerdem ist dieser Blick hinter die Kulissen einer Filmproduktion voll mit verschrobenen oder exaltierten Figuren, was für große Turbulenzen am Set sorgt: So ist Vidal nicht nur ein Mensch, der seine Emotionen schwer kontrollieren kann, sondern auch jemand, der zugegeben hat, Psychopharmaka zu nehmen, um seine Panikstörungen unter Kontrolle zu bringen. "Bist du wahnsinnig?", schreit ihn sein Produzent an. "Du musst lügen, sonst versichert uns keiner diesen Dreh. Wenn die Leute beim Film die Wahrheit sagen würden, dann gäbe es gar keinen einzigen Film". In der Tat: Bald schon wird die Versicherungsfrage das Stummfilmremake ernsthaft gefährden.

Die Schwedin Alicia Vikander gehört seit ihrem Oscar-Gewinn für "The Danish Girl" zu den gefragtesten Schauspielerinnen der Welt. 
- © Katharina Sartena

Die Schwedin Alicia Vikander gehört seit ihrem Oscar-Gewinn für "The Danish Girl" zu den gefragtesten Schauspielerinnen der Welt.

- © Katharina Sartena

Aber nicht nur Vidal hat Sorgen: Auch der aus Deutschland eingeflogene Schauspieler (Lars Eidinger) ist auf Drogen: Er ist cracksüchtig, hat aber kein Crack mehr, was die Produktion ebenfalls gefährdet. Und die als Irma Vep auftretende  Mira (Vikander) ist nicht nur im PR-Stress für ihren aktuellen Blockbuster, sondern leidet bei ihrem Dreh in Paris vor allem unter der Trennung von ihrer ehemaligen Assistentin, die mit ihr eine Liebesbeziehung führte.

Die Turbulenzen rund um den Neudreh des Stummfilms "Les Vampires" von Louis Feuillade nehmen zu; Assayas hat sichtlich große Freude daran, sein Metier schonungslos zu sezieren, und vieles in der Figur des Regisseurs Vidal hat mit Sicherheit autobiografische Züge. In Cannes wurde diese wunderbare, zuweilen auch karikaturhafte Serie mit viel Applaus gefeiert. "Irma Vep" wird ab Juni bei HBO zu sehen sein, in Österreich wird sie voraussichtlich ab September bei Sky laufen.