Auf dem Weg zur Goldenen Palme, die Samstagabend in Cannes vergeben wird, sind noch einige Filme ausständig, jedoch hat sich der Wettbewerb der 75. Filmfestspiele relativ lautlos ausgerollt; keine Skandale, keine abgrundtief schlechten Filme; aber auch kein Meisterwerk, von dem jeder spricht und der als "sichere Palme" gehandelt wird. Es ist ein durchwegs anspruchsvoller Jahrgang, aber eben auch kein herausragender: Von David Cronenbergs "The Crimes of the Future" (die "Wiener Zeitung" berichtete), eine Bodyhorror-Revue mit Bezügen zu Cronenbergs älteren Filmen, zeigte man sich hier eher enttäuscht bis ratlos. Das Kino der Dardenne-Brüder aus Belgien wiederum gefiel ganz ordentlich: Mit "Tori et Lokita" erzählen die Brüder, die hier bereits zwei Mal die Goldene Palme holten, vom Leben zweier Kinder im Exil: Ein junger Bub und ein halbwüchsiges Mädchen, die aus Afrika nach Belgien gekommen sind, müssen sich den täglichen Herausforderungen ihrer Situation stellen. Wie immer zeichnen die Dardennes ihre Figuren mit großer Unaufgeregtheit und widmen sich ihren Schicksalen mit viel Empathie.

Empathisch sind letztlich auch die Figuren in "Broker" des japanischen Palmen-Gewinners Kore-eda Hirokazu ("Shoplifters), der darin eine in Südkorea spielende Geschichte erzählt: Eine junge Frau legt ihr Baby vor einer Babyklappe ab, und die dahinter agierenden Männer haben zwar das Wohl des Kindes im Sinne, aber gegen Bares: Das abgegebene Baby soll für zehn Millionen Won, das sind etwa 8.000 Euro, an ein Paar verkauft werden; als die Mutter, wie sich herausstellt eine Prostituierte, die den Vater des Kindes ermordet hat, am Tag darauf ihr Kind zurückhaben will, verkomplizieren sich die Dinge. Als sie von dem geplanten Verkauf erfährt, ist ihr doch das Geld lieber als das Kind und sie macht sich mit den zwei Menschenhändlern auf, ein geeignetes Käuferpaar zu finden.

Raum für Zwischentöne

Was nach einer ziemlich zugespitzten Räuberpistole klingt, entpuppt sich als stets zärtlich inszeniertes Melodram, in dem die Figuren allesamt mit Sympathie davonkommen, obwohl sie durch die Bank kriminell sind. Diese Figurenzeichnung, die der Regisseur durchaus schon öfter in anderen Filmen gezeigt hat, ist begründet in Hirokazus Humanismus: Bei ihm sind auch die Bösen keine Schurken klassischer Natur, es gibt reichlich Raum für Zwischentöne und Variationen.

Claire Denis (l.) und Margaret Qualley zeigten "The Stars at Noon" im Wettbewerb von Cannes. - © Katharina Sartena
Claire Denis (l.) und Margaret Qualley zeigten "The Stars at Noon" im Wettbewerb von Cannes. - © Katharina Sartena

Auf eine andere Art empathisch sind die Helden in Claire Denis’ neuem Film "Stars at Noon", das auf dem Romandebüt von Denis Johnson basiert und mit Margaret Qualley und Joe Alwyn besetzt ist. Qualley ist eine junge Amerikanerin, die sich 1984 während der Revolution in Nicaragua als Journalistin versucht und dort einen Engländer kennenlernt, mit dem sie eine Liebesaffäre beginnt. Auch diese Figuren haben ihre schrägen Seiten; anfangs lässt sich die junge Frau für Sex in Dollar bezahlen, doch das Ganze ist für sie auch ein Spiel. Ihr Liebhaber wiederum ist auch nicht von der durchsichtigsten Sorte. Und so mäandert die Geschichte durch die amüsanten (Un-)Tiefen von Beziehungen zwischen Mann und Frau. Ein Sujet, das wie gemacht ist für Denis, die in ihren Filmen häufig Sex und noch häufiger Liebe und die damit verbundenen Ängste analysiert hat.

In seine Heimat Neapel führt der italienische Regisseur Mario Martone in "Nostalgia": Darin lässt er seine Hauptfigur Felice (Pierfrancesco Favino) nach 40 Jahren im Ausland zurück in die Heimatstadt kommen, auf dass er sie neu entdeckt, aber auch neu verstehen lernen muss. Italiener lieben Hommagen wie diese, aber Martone ist durchaus düster im Ton, wenn Felice die dunklen Seiten seiner Vergangenheit aufarbeiten muss.

Bildgewalt mit Humor

Um die Aufarbeitung eines Verbrechens geht es in "Decisions to Leave" von Park Chan-wook aus Südkorea. Hae-Joon (Park Hae-Il) arbeitet als Detektivin. Er leidenschaftlich, wenn er Fälle untersucht. Aktuell untersucht er einen Todessturz von einem Berg und trifft auf Seo-Rae (Tang Wei). Sie ist die Ex-Frau des verstorbenen Mannes. Hae-Joon ist ihr gegenüber misstrauisch, interessiert sich aber auch für sie. Daraus generiert Park Chan-wook eine kraftvoll komponierte, bildgewaltige Erzählung um Liebe, Leidenschaft und emotionale Verletzlichkeit, aufgeladen mit einem subtil eingesetzten Humor. Eine Romanze um Verführung, die seinem Publikum kalt-warm gibt. Ein Glücksfall für diesen Wettbewerb, bei dem die Preisvergabe offen ist wie selten zuvor.