Aus dem Blickwinkel eines betagteren Betrachters mögen die Probleme, die die gerade 30 Jahre alt gewordene Norwegerin Julie (Renate Reinsve) wälzt, ein bisschen zum Schmunzeln anregen. Einerseits, weil man sich vielleicht selbst an diese Zeiten der Restjugend erinnert, die noch einmal dazu einladen, vom ganz großen Glück zu träumen, das zumindest gedanklich noch möglich scheint. Andererseits, weil diese Julie schon auch vom Leben einfordert, was ihr ihr Umfeld mitunter nicht vergönnt.

Julie ist jedenfalls unglücklich. Also beendet sie ihre Beziehung und wechselt das Studium von Medizin zu Psychologie. Das ist jenes Studium, in dem 90 Prozent der Studentinnen an einer Essstörung leiden, wie uns Regisseur Joachim Trier in "Der schlimmste Mensch der Welt" launig erklärt.

Frauenversteher

Ist das schon Betrug, sich gegenseitig den Rauch in den Mund zu blasen? Eine der Fragen, die der Film aufwirft. - © Filmladen
Ist das schon Betrug, sich gegenseitig den Rauch in den Mund zu blasen? Eine der Fragen, die der Film aufwirft. - © Filmladen

Allein deshalb ist es schon (wieder) nichts für Julie. Und was wird man, wenn man nicht mehr weiter weiß? Julie will es als Fotografin versuchen. Und zwar als eine, die die Männermodels nach dem Shooting gleich zu sich ins Bett zerrt. Selbstfindung, sich Ausprobieren, nennen das die Frauen in diesem Film. Die Männer sind zwar großteils galante Frauenversteher, aber wenn die Frau nicht so tickt, wie sie es wollen, haben sie die altbekannten Probleme.

Julies Freund Aksel (Anders Danielsen Lie) zum Beispiel: Der ist erfolgreicher Comiczeichner mit Kinderwunsch, den ihm Julie (noch) nicht erfüllen will, weil sie sich lieber die Optionen offen hält, einfach abzuhauen, wenn sich die Lust in Frust verwandelt hat. Julie spürt: Dieser Tag wird kommen. Die Tiefen der Frauenpsyche nimmt Aksel trotz seiner ganzen Verständnis-Tuerei nie wirklich wahr, er ist überrascht, als Julie auch mit ihm eines Tages Schluss machen will. Da hat sie ihn schon fast betrogen, ohne dem Begriff tatsächlich Taten folgen zu lassen. Denn: Den Rauch eines anderen Mannes in sich aufzusaugen, das ist doch kein Betrug am eigenen Freund, oder etwa doch?

Keine Muttergefühle

Ist man ein schlimmer Mensch, wenn man ständig mit den Optionen des Lebens hantiert, ohne jemals sesshaft werden zu wollen? Wenn es einem kalt über den Rücken läuft, wenn das Geschrei von Kleinkindern keine Muttergefühle in einem weckt? Wenn man auch mit 30 plus noch an die Freiheit glaubt, tun und lassen zu können, was man möchte?

Joachim Trier stellt all diese Fragen im Kontext eines Dramas, das mal leichtfüßig, mal ernst über seine Themen nachdenkt. Dabei ist die Hauptdarstellerin Renate Reinsve so vortrefflich besetzt, dass man sich für die Zeit dieses Films regelrecht selbst in diese Julie verliebt, der man immerfort beim stetigen Scheitern in ihrem Glückskosmos zusehen kann; Reinsve, die für die Rolle 2021 mit dem Darsteller-Preis in Cannes ausgezeichnet wurde, verleiht ihrer Julie eine wunderbare, auratisch wirkende Ambivalenz aus Glück und Trauer, Leidenschaft und Distanz. Der Wankelmut, den diese Figur an den Tag legt, potenziert sich noch, als mit dem sympathischen Eivind (Herbert Nordrum) ein weiterer, scheinbar geeigneter Kandidat Marke "Lebensmensch" in ihre Wahrnehmung tritt und wieder alles auf den Kopf stellt. Doch es wartet in diesem Film auch noch eine ganz andere Wendung, eine, die geradewegs ins Melodrama steuert.

Der kleinste gemeinsame Nenner im Wertesystem von Julie ist ihr Wissen um die eigene Menschlichkeit, und dass das Scheitern in Beziehungsfragen zu einem Lernprozess gehört. Das arbeitet Joachim Trier auf eine visuell intime, fast poetische Weise heraus, in diesem Liebesfilm, in dem eine junge Frau manchmal fast unbeobachtet durch ein lyrisches Oslo taumelt, in dem die Zeit auch einmal stillstehen kann.