Nicolas Cage ist eine Legende", haucht die junge Frau ihrem Freund ins Ohr, als sie ihn in einer Szene aus "Con Air" (1997) im Fernsehen sieht. Kurz darauf wird sie entführt, und Nicolas Cage fährt in der nächsten Szene durch Los Angeles, um sich am Steuer seines Wagens für sein nächstes Meeting mit einem angesagten Regisseur vorzubereiten, gespielt von David Gordon Green. Dieser Cameo-Auftritt Greens in "Massive Talent", der kommenden Freitag in den Kinos anläuft, ist gleich zu Beginn der Wegweiser durch diese Geschichte und zeigt, worum es geht: Nicolas Cage reflektiert über sich selbst und seine Karriere, über die zahlreichen Höhen und die noch zahlreicheren Tiefen, über die eigene Wahrnehmung und die von außen. Ein Mann, der seinen Beruf stets als Job begriffen hat, dabei geht es doch um etwas ganz anderes: Um eine Karriere, um Legendenstatus! "Ich bin Schauspieler", sagt Cage seinem plötzlich erscheinenden Beifahrer, einer jungen Version seiner selbst: "Nein, du bist ein Filmstar!", gibt ihm dieser zurück.

An "Massive Talent" von Regisseur Tom Gormican, der zusammen mit Kevin Etten auch das Drehbuch schrieb, ist vieles schräg und ungewöhnlich, und man könnte die Action-Komödie auch bloß als eine solche reflektieren, aber das griffe zu kurz. Denn welcher Hollywood-Star außer Nicolas Cage wäre in der Lage, von sich selbst ein Abbild auf die Leinwand zu bringen, das einen Mann zeigt, der derart neben der Spur läuft wie er?

Einmal Oscar und zurück

Dazu gibt es Fakten: Cage, der einstige Kritiker- und Publikumsliebling der 1990er Jahre, hatte sich schon in den 80ern einen Namen gemacht, mit Auftritten in "Rumble Fish", "Birdy", "Peggy Sue hat geheiratet" oder "Mondsüchtig", ehe er sich in den 90ern mit "Wild at Heart" oder "Tess und ihr Bodyguard" konsequent zu seiner Oscar-gekrönten Performance in "Leaving Las Vegas" (1995) hocharbeitete und hernach im Blockbuster-Dunst mehr und mehr verpuffte: Klar, Filme wie "The Rock", "Con Air", "Face/Off" oder "Stadt der Engel" erreichten ein Millionenpublikum, und doch nahm seine Reputation mehr und mehr ab: Für Oliver Stone mimte er 2006 einen Feuerwehrmann in "World Trade Center", für Ridley Scotts "Tricks" einen Trickbetrüger, für "The Wicker Man" ging er auch unter die Produzenten. "Ghost Rider" brachte ihn 2007 einem breiten Publikum zurück, als Motorradfahrer mit brennendem Totenkopf war die Anforderung ans Mienenspiel aber vergleichsweise gering.

Da schlitterte ein Weltstar zusehends in eine B-Movie-Krise und konnte selbst ganz offensichtlich nichts dagegen tun. Im Gegenteil: Cage forcierte sein Abdriften noch, indem er so ziemlich alles drehte, was auf seinem Schreibtisch landete. "Ghost Rider 2" von 2012 gilt beispielsweise als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten - und das, obwohl es hier um einen Marvel-Helden ging! Zu hinterfragen bleibt, ob Marvel-Comics generell nicht allzu seichte Vorlagen für Spielfilme sind, die eben durch den Bombast ihrer Umsetzung die Schwächen ihrer Dramaturgie zu verschleiern suchen.

Aber genau davon handelt im Grunde nun auch "Massive Talent", der im Original nicht umsonst "The Unbearable Weight of Massive Talent" heißt, also in etwa "Die unerträgliche Last eines massiven Talents". Nicolas Cage ist ein Schauspieler, der alle Nuancen beherrscht, und auch das Herausschreien von Emotionen kann er vortrefflich. Es ist nur immer auch die Frage, wofür man dieses Talent einsetzt.

Nicolas Cage und Ehefrau Riko Shibata erwarten Nachwuchs, es wird eine Tochter. 
- © afp / Suzanne Cordeiro

Nicolas Cage und Ehefrau Riko Shibata erwarten Nachwuchs, es wird eine Tochter.

- © afp / Suzanne Cordeiro

Cage hat mit seinen nunmehr 58 Jahren eine Unzahl von Filmen gedreht (109 Filme weisen ihn als Schauspieler aus, 17 als Produzent), aber seit elf Jahren schaffte es keiner seiner Filme mehr zu einem globalen Kinostart. Es waren Achtungserfolge dabei, wie zuletzt das Drama "Pig" (2021), aber im Grunde war Cage längst da angekommen, wo man Filme dreht, die eigentlich niemand mehr im Kino sehen will; sie erschienen "direkt auf DVD", oder eben dank der Streaming-Dienste nur online.

Ein Star braucht Geld

"Massive Talent" ist nun der erste Film, der wieder in größerem Stil in die Kinos kommt, und das hat seine Berechtigung: Geht es hier in dieser vorderhand auf Slapstick und auch Wortwitz getrimmten Komödie doch um viel mehr als nur um seichte Lacher. Ein Weltstar, der sich selbst spielt, in einem Film, der sich selbst nicht ernst nimmt: Wahrlich eine gute Kombi.

Cage braucht in diesem Film einen neuen Filmhit, um am Ball zu bleiben, aber der wird ihm verwehrt. Deshalb nimmt er das Angebot an, bei einer Geburtstagsparty in Mallorca aufzutreten, das bringt eine Million. Geld, das er dringend braucht, weil er im Hotel lebt und dort 600.000 Dollar schuldig ist. Außerdem hat er ein Problem mit seiner pubertierenden Tochter, die es hasst, mit ihm "Das Kabinett des Dr. Caligari" zu schauen. Wen interessiert bitte heute noch ein 100 Jahre alter deutscher Film? Vor allem, wenn die Tochter denkt, Humphrey Bogart wäre ein Porno-Star?

Irgendwie hat man in "Massive Talent" schnell das Gefühl, in einem neurotischen Woody-Allen-Film zu sitzen, dessen Hauptfigur an der Depression über seinen Beruf (die Berufung) zerbricht. Cage will den Beruf an den Nagel hängen, doch halt: Sein Gig in Mallorca bringt ihn mit Gastgeber Javi (Pedro Pascal) zusammen, ein Fan, der ihm einen Schrein widmet und der Cage in Wahrheit sein Drehbuch zeigen will und einen gemeinsamen Film plant. Die CIA ist aber auch da: Sie wirft Javi Waffenhandel vor, weshalb Cage fortan als Spitzel fungieren soll. Was ihm liegt, denn: "Schauspielen, das ist ohnehin hauptsächlich spionieren", sagt Cage im Film.

"Massive Talent" kitzelt all das aus der Karriere von Cage heraus, weshalb man ihn liebt oder hasst: Da der kompromisslose Schauspieler, der bereit ist, den King Lear zu geben, dort der Typ, der auf einem LSD-Trip gemeinsam mit Javi durch Mallorca kurvt. "Ich fahre nie auf LSD", sagt Cage. "Doch, das tust du, denn bei ‚Gone in 60 Seconds‘ hast du auch alle Autostunts selbst gemacht", sagt Javi. Was also tun? Den alten Porsche einfach fahren, so einen, den schon James Dean gefahren hat.

Ohne "Action!" geht nichts

Es ist immer da, das Gefühl, sich selbst nicht zu genügen. Das Gefühl, lieber einen Film zwischen Cassavetes und Iñárritu drehen zu wollen als den nächsten Kettensägen-Scheiß. Cage war nie selbstironischer und selbstkritischer als in diesem Film: "Massive Talent" zeigt, wie da einer auf der Leinwand funktioniert, nicht aber im Leben. Wie er erst loslegt, wenn er am Set das Wort "Action!" hört. Wenn das nicht oscarreif ist.

Cage, der Neffe von Francis Ford Coppola, wollte lieber selbst Karriere machen, ohne die Last des großen Namens zu spüren, weshalb er sich einen eigenen Namen gab. Sein junges Ich, quasi das Teufelchen auf seiner Schulter, das ihm in diesem Film immer wieder einsagt, wird von Nicolas Kim Coppola gespielt. Ein Cage, der digital verjüngt mit seinem Geburtsnamen auftritt, weil es ihm eh schon wurscht ist.

Genau wie die Frage nach den besten Filmen aller Zeiten, die in "Massive Talent" ebenso auftaucht: "Caligari" kommt dort auch vor, auf Platz zwei. Aber alle zu Tränen rührt hier das Bären-Lustspiel "Paddington 2". Die Tränen von Nicolas Cage beim Ansehen dieses Films wirken gar nicht gespielt. Er ist halt einfach gut.