Dieses Wackeln. Sein Manager Colonel Tom Parker fügt sich dem politischen Druck und verbietet Elvis, die Hüften auf der Bühne beben zu lassen. Der Sänger fährt wütend in die Beale Street von Memphis, die Wiege des Blues. In einem Club macht gerade Little Richard auch nicht unbedingt züchtige Bewegungen. B.B. King versichert Elvis, dass er sicher nicht ins Gefängnis kommt. Zum einen, weil er ein Weißer ist und zum anderen, weil "zu viele Menschen zu viel Geld mit dir verdienen". Rosetta Tharpe singt noch etwas und Elvis Presley genießt es, seine musikalische Seele wieder aufzuladen. Dann geht er auf eine Bühne und beginnt sein Konzert - bei dem er auf gar keinen Fall wackeln soll - so: "If you‘re looking for trouble, you came to the right place". Und dann wackelt er so, dass das weibliche Publikum den Verstand verliert. Das Konzert endet im Tumult und Elvis‘ Karriere muss in eine Militärpause.

Kein Glück mit Rebellion

So erzählt es Baz Luhrmann in seinem neuen, flirrenden Bio-Pic "Elvis". Und die Szene hat eigentlich schon alle Leitmotive dieses Films im Kern erfasst. Es ist nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass Elvis seine Kraft aus der schwarzen Nachbarschaft und deren Kultur schöpft. Als junger Bursch ist er gleichermaßen vom Comic Captain Marvel und der Trance in Gospelmessen geprägt. In seinen größten Krisen wird er zur Musik, die ihn "glücklich macht" zurückkehren. Aber die Szene zeigt auch, dass der Vertreter des Rock‘n‘Roll, Inbegriff der rebellischen Musik, nie viel Glück damit hatte, selbst aufzubegehren. Vor allem nicht gegen Colonel Tom Parker. Die Strafe folgte stets unverzüglich. Aus Parkers Perspektive wird dieser Film erzählt, gespielt wird er von Tom Hanks, also eigentlich von dessen Augen, denn nur die sind unter Fatsuit, Latex und verlängerter Nase zu erkennen. Parker war einer jener, die eine ganze Menge mit Elvis Presley verdienten. Der Film legt nahe, dass der Colonel den schwer gezeichneten Sänger in Las Vegas im straßbesetzten Einteiler schwitzen ließ, damit er selbst unlimitierte Spielschulden machen durfte. Ein Colonel war er genauso wenig wie ein Parker, er war illegaler Einwanderer ohne Pass - daher kam es auch nie zu Auslandsauftritten von Elvis.

Tom Hanks, ja wirklich, als Elvis’ Manager Colonel Tom Parker. 
- © Warner

Tom Hanks, ja wirklich, als Elvis’ Manager Colonel Tom Parker.

- © Warner

So etwas war auch in Parkers ursprünglichem Kosmos nicht vorgesehen: Er managte Jahrmarkt-Attraktionen. Und Elvis Presley war für ihn die ultimative Rummel-Sensation. Jemand, der die Menschen dazu bringt, ihr Börsel zu leeren, damit sie mit einem Lächeln im Gesicht gehen. Und bei Elvis‘ weiblichen Fans war es sogar etwas mehr als ein Lächeln.

Dass das für ein Phänomen wie Elvis Presley zu kurz griff, kann man Parker wohl nicht vorwerfen. Elvis war zu groß für Colonel Parker. Elvis war ja auch zu groß für Elvis. Ist Elvis auch zu groß für Baz Luhrmann? Ja, zweifellos. An der Filmbiografie einer solchen Legende kann man nur scheitern.

Integrationsfigur Elvis

Das tut Luhrmann nicht auf allen Ebenen. Er hat mit Austin Butler einen Elvis, der die Gefahr des Imitats umschifft. Er hat den altbekannten Schmelz im Blick, gibt ihm aber die gebotene Tragik. Besonders gut funktioniert das in den Szenen rund um das Comeback-TV-Special, das ein Santa-Claus-Spektakel werden sollte und mit der gewaltigen Martin-Luther-King-Hommage "If I can dream" endete. Auch passt Luhrmanns Stil der Reizüberflutung mit Splitscreens und anderen Spielereien zu der Überforderung, die Elvis‘ Ruhm für ihn war. Und Luhrmann geht trickreich mit der Thematik "Kulturelle Aneignung" um, die zumindest der Großteil der schwarzen Künstler seiner eigenen Ära Elvis nicht ankreideten. In diesem Film ist Elvis eine Integrationsfigur, der das Segregationsgesetz um der Kunst Willen gebrochen hat. Die für Luhrmann typischen Coverversionen und Remixe treffen teils in derselben Szene auf ihre Vorgänger - aus Elvis‘ Kehle und als schwül-erotisches Blues-Original etwa bei "That‘s all right". Das stilisiert Elvis zum "Übersetzer", der diese Musik unsterblich gemacht hat.

Weil sich Luhrmann für barocke Üppigkeit und Ikonografie entschieden hat, wirkt "Elvis" leider teilweise wie oberflächliches Anekdoten-Hopping. Aber Elvis-Fans werden trotzdem am Ende weinen. Das tun sie immer.