Das Wesen des klassischen französischen Films ist rasch erklärt: Er erzählt das Banale, das Alltägliche, ohne dass es langweilig wird. Das beginnt schon beim Filmtitel, der zumeist genau das formuliert, worum es im Film geht. Oftmals sind die ganz großen Klassiker aus Frankreich recht einsilbig getauft. In "Un homme et une femme" (Ein Mann und eine Frau) von Claude Lelouch (1966) geht es um genau das: um einen Mann und eine Frau. Beide sind alleinerziehende Eltern, die trotz widriger Umstände zueinanderfinden und dabei viel Selbstreflexion betreiben. Französische Beziehungsdramen, sogenannte "Problemfilme", spielen vorwiegend in Betten und Küchen und sind dialoglastig.

Oder: "Une histoire simple" (Eine einfache Geschichte) von Claude Sautet aus dem Jahr 1978: Romy Schneider muss mitansehen, wie ein Freund nach dem Jobverlust Suizid begeht. Francois Truffauts "Jules et Jim" (1962) zeigte Jeanne Moreau zwischen zwei Männern, eben Jules und Jim. "Le Samourai" (1967) zeigte Alain Delon als eiskalten Killer. "Amour" (2012) von Michael Haneke zeigte, wie die Liebe im hohen Alter fortwirkt.

Simpel und nahegehend

Die Geschichten, allesamt: Simpel, aber nahegehend, eindringlich und famos gespielt. Im ersten wie im letzten Beispiel: Jean-Louis Trintignant in der Hauptrolle. Der vergangene Woche mit 91 Jahren verstorbene Schauspieler war das letzte Gesicht einer goldenen Ära des französischen Kinos, die sich seit Mitte der 1950er Jahre entwickelt hatte. Die großen Namen dieser Zeit sind alle gegangen: Von Trintignant bis Belmondo, von Romy Schneider bis zu Francoise Dorleac, der jung verstorbenen Schwester von Catherine Deneuve, von Melville, Chabrol, Truffaut, Renoir, Bunuel bis Sautet und Jacques Demy. Die Diven Deneuve und Huppert, sie schreiben die Filmgeschichte noch weiter, aber die Filme verändern sich.

Der Tod Trintignants besiegelt das Ende einer Ära: Als Trintignant anfing, Filme zu drehen, da gehörten Jean Gabin die Leinwände Frankreichs; er war der Über-Star und einer, der die Massen anlocken konnte; schon vor dem Krieg beliebt, war er danach als ergraute Autorität nicht nur als Kommissar Maigret erfolgreich, sondern in jeglicher Rolle, in der er seine Dominanz voll ausspielen konnte. Trintignant war in "Das Gesetz der Straße" (1956) als sein Gegenspieler zu sehen, was dem jungen Schauspieler exzellente Karrierechancen ermöglichte.

Das Gezeter aus dem Blätterwald rund um die "Cahier du cinéma", das Truffaut 1954 in seinem Aufsatz "Eine gewisse Tendenz im französischen Film" über das altbackene, redundante und traditionsbewusste französische Nachkriegskino formulierte, führte letztlich zur verspielt-frivolen "Nouvelle Vague", in der sich die Vorzeichen für das Filmemachen ein für alle Mal änderten; aber davon soll hier nicht die Rede sein, denn die "Nouvelle Vague", so einflussreich sie auch gewesen sein mag, hat den "Mittelbau" des französischen Films nie besonders schwer beeindruckt. Die Erfolge der 50er, 60er und 70er Jahre, die Charakterköpfe wie Trintignant oder Michel Piccoli ebenso hervorbrachten wie Schönlinge wie Delon und Schneider (die nicht weniger Charakterdarsteller waren als die anderen), stellten sich zumeist in Filmen ein, die nicht nach besonderen neuen Formen strebten oder gar neue Genres hervorbrachten.

Die "Nouvelle Vague" als aufrührerische Eruption von Filmjournalisten, die zeigen wollten, wie grenzenlos und frei Kino sein kann, wirkt bis in die digitale Filmemacherkunst weiter, jedoch sind es die Kriminalstoffe und die Beziehungsdramen mit den einfachen Titeln, die dem französischen Film den Status einbrachten, authentisch vom Leben zu erzählen. Es brauchte für das Drama niemals einen Spezialeffekt, sondern bloß einen grau melierten Mann im schwarzen Anzug, der an seiner filterlosen Gitanes zog und den Borsalino zurechtrückte, ehe er tötete; oder den sonoren Typen in der Midlife-Crisis, dessen erster Griff nach dem Aufwachen zur Zigarette geht und der sich in all seiner Ichbezogenheit nicht zwischen Ex-Frau und Geliebter entscheiden kann, wie Piccoli in Sautets "Die Dinge des Lebens" (1969). Es ist schon auch ein sehr männerdominiertes Kino gewesen, damals.

Frankreich ist nicht Hollywood

Die zugrunde liegenden Geschichten dieser Filme, sie entstammen der realen Welt, es gab im ernstzunehmenden französischen Kino dieser Zeit kaum jemals eskapistische Filme, die sich im Surrealen oder gar im Extraterrestrischen abspielten, wie das bei den Amerikanern spätestens ab den 1970er Jahren der Fall war. Erst Mitte der 90er Jahre trat Luc Besson den erfolgreichen Beweis an, dass auch Frankreich Hollywood kann. Viele solche Fantasten gab es in Frankreich nicht, vielleicht gehört noch Christophe Gans ("Der Pakt der Wölfe") dazu, und auch Jean-Pierre Jeunet ("Amélie"), aber dieser freilich in einer ganz anderen Darreichungsform, die wiederum dem ursprünglichen, hier gemeinten Drama von der Alltäglichkeit angehörte.

Das Interessante am französischen Kino der letzten sieben Jahrzehnte ist, dass es viel seltener soziale Ränder streift als andere Nationen: Während etwa der italienische Neo-Realismus rund um Antonioni, De Sica, Visconti oder Rosselini gerne die sozial Schwachen mit ihren Sorgen ins Zentrum rückte (und die andere Hälfte der Italiener sich etwas später in Cinecittà mit Sandalen-Filmen und Spaghetti-Western Hollywood anbiederte), gibt es in Frankreich gefühlt nur eine Handvoll Filmemacher, die auch ein sozialistisch geprägtes Kino entwickelten. Robert Guédiguian ist ein Vertreter dieses sozialen Kinos, das stets eine Minderheit blieb.

Viel häufiger sind bourgeoise Geschichten, wo Filmemacher von Chabrol bis Ozon auch aus dem eigenen Umfeld erzählten. Es fehlt - ganz anders als etwa beim österreichischen Film - an einer Tradition des Blicks zur Seite; die Nöte der Menschen sind oftmals kaum materieller Natur. Das ist eine dieser Scheuklappen, die man in Frankreich hat. Aber das Kino soll ja auch zerstreuen, vielleicht macht man das hier eben über das Beziehungsdrama anstatt über die Sci-Fi-Saga.

Trintignant ist tot, und er war der letzte Vertreter dieses Gefühlskinos, das nüchtern und emotional zugleich war: Hanekes "Amour" wirkt wie ein später Vertreter eines inzwischen unmodern gewordenen französischen Kinos, das sich an Blicken und Dialogen ergötzte und radikale Wendungen zuließ. Aktuelle französische Filme, das zeigte das vergangene Festival von Cannes, scheren sich wenig um diese Tradition: Claire Denis‘ "Stars at Noon" irrlichtert ohne Bodenhaftung durch einen bewaffneten Konflikt in Südamerika, "Un pétit frère" von Léonor Seraille erzählt auffallend distanziert vom Zusammenwachsen einer Familie, "Les amandiers" von Valeria Bruni-Tedeschi von der Innenwelt junger Schauspieler. Einzig Arnaud Desplechin konnte im Wettbewerb die klassische Handschrift französischer Dramen eindrucksvoll fortschreiben. Auch sein Film hat einen einfachen Titel: "Frère et soeur", Bruder und Schwester. Zwei Geschwister, die sich hassen und wieder zueinanderfinden - oder eben auch nicht.

Das französische Kino kämpft längst um seine Identität, im Strudel der Streaming-Konkurrenz: Bei Netflix und Co., wo man den seriellen Einheitsbrei zelebriert, haben gute Ehedialoge in der Küche keinen Platz mehr. Die "Exception culturelle", die Frankreich so stolz verteidigt hat, steht auf der Kippe: Tapfer wehrt man sich in Cannes noch gegen Netflix-Teilnahmen im Wettbewerb, weil die Filme dort einen landesweiten Kinostart bekommen müssen, um im Wettbewerb zu laufen. Fraglich ist, wie lange man sich dem Druck der Streamer widersetzen kann, wenn Filmproduktionen vermehrt auf deren Gelder angewiesen sind. Immerhin hat man in Frankreich 2021 durchgesetzt, dass Netflix, Amazon und Apple 20 Prozent ihrer lokal erwirtschafteten Gewinne wieder in neue französische Inhalte investieren müssen.

Den Anschluss finden

Aber wie werden diese Inhalte aussehen? Die Sehgewohnheiten der Zuschauer haben sich geändert: Nicht alle empfinden mehr die gleiche Spannung, wenn sich Trintignant und Romy Schneider in "Le train" (1973) in den Wirren des Zweiten Weltkriegs in den Armen liegen und reden. Das Publikum will lieber Fantasy-Filme sehen: Sie bieten Ausflucht aus der eigenen Misere und nicht die Vertiefung von Problemen, die ohnehin jeder selbst kennt. Die Antwort sucht das französische Kino wieder vermehrt in seichten Komödien à la "Monsieur Claude". Frankreich tut sich schwer, den Anschluss an das Weltkino zu finden - oder eben eine Antithese dazu zu formulieren.

Das mag Jean-Louis Trintignant alles nicht sonderlich tangiert haben. Aber entlang seiner Filmografie lässt schön illustrieren, wie sich das französische Kino mehr und mehr zur Institution einer gewissen Lesart gemacht hat: Man hat mit einer Gitanes im Mundwinkel von den banalen Dingen des Lebens erzählt. Es wäre schade, dieses Bild zu verlieren.