"Wir haben hier schon tausende Menschen umgebracht", scherzt Isaac Nabwana. Der ugandische Regisseur steht in seinem Studio und zeigt auf einen vollgestellten Raum. Darin türmen sich Maschinengewehre, Schwerter, Dolche, Macheten und Eimer voller rotem Kunstblut - alles, was man zum Töten braucht. "Alle Figuren, die in unseren Filmen sterben, listen wir hier auf unserer Wall of Fame", sagt er und zeigt auf die verputzte Mauer, auf der hunderte Namen und Todesdaten gelistet sind.

Nabwanas Action-Filme sind in Uganda landesweit berühmt für riskante Stunts und kreative Billigproduktion. Sein Studio liegt am Rande der ugandischen Hauptstadt im Armenviertel Wakaliga, zwischen verdreckten Abwasserrinnen, im Hinterhof seines privaten Hauses. "Wakaliwood" steht in großen Buchstaben an der Fassade.

Teile der Stuntchoreographien werden vor dem Dreh noch mal geprobt. - © Isaac Kasamani
Teile der Stuntchoreographien werden vor dem Dreh noch mal geprobt. - © Isaac Kasamani

Im Hinterhof sind Scheinwerfer aufgestellt. In der Mitte steht Nabwana mit einen Laptop. Darauf lässt er immer wieder eine Szene seines aktuellen Films "Fußball Kommando" abspielen. Der weiße Schauspieler Max Winkler, der im Film den deutschen Fußballstar Karl Heinz Rummenigge spielt, kommt in dieser Szene mit einem Mofaroller angefahren. Er steigt ab und wird dann von hinten überwältigt. "Wir müssen die Szene noch einmal nachdrehen", erklärt Nabwana.

Hubschrauber aus Schrott

Für den 49-jährigen Ugander geht es jetzt um den internationalen Durchbruch. In diesem Jahr ist er zur 15. Documenta in Kassel eingeladen, Deutschlands größter Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Dafür hat er den Film "Fußball Kommando" gedreht: Darin heiratet Rummenigge eine ugandische Frau und schenkt ihr eine Reise in ihre Heimat. Dort besuchen sie die "Wakaliwood"-Studios, um den Hochzeitstag filmisch festzuhalten. "Doch dann passieren alle möglichen Überraschungen", so Nabwana: Rummenigges Frau wird von der ugandischen Mafia gekidnappt. Der Fußballspieler schnappt sich eine Waffe und geht auf Befreiungsmission. Dabei wird er nach viel Action und Abenteuern getötet.

Zwischen den Kalaschnikows hockt Dauda Bisaso und schraubt an einem Maschinengewehr. Der Mechaniker tüftelt seit 15 Jahren in den Studios an den Requisiten. Seinem Einfallsreichtum ist es zu verdanken, dass die Filme fast nichts kosten: "Ich sammle auf dem Schrottplatz Teile und bastle aus diesen zusammen, was auch immer wir für den jeweiligen Film gerade brauchen", sagt er. Dabei zeigt er stolz auf sein Sortiment Kriegsgerät. "Ich wollte als Kind erst Soldat und dann Schauspieler werden", witzelt er und winkt, ihm zu folgen. Durch stinkende Pfützen marschiert er auf eine Wiese, auf welcher das Gerüst eines Hubschraubers steht, Bisasos ganzer Stolz: "Monatelang habe ich ihn aus alten Kühlschränken zusammengeschweißt", sagt er. "Wir hatten damals vergeblich beim Militär angefragt, mit einem Hubschrauber einen Kriegsfilm drehen zu dürfen", erinnert er sich. Die Armee weigerte sich. "Da habe ich beschlossen, einfach unseren eigenen zu bauen."

Ugandas kleine Filmindustrie steckt quasi noch in den Kinderschuhen. Doch sie hat in den vergangenen Jahren einen gewaltigen Aufschwung erfahren. Die meisten der rund 40 Millionen Ugander können sich keinen Fernseher leisten. In den Armenvierteln oder in den Dörfern auf dem Land, wo es noch immer kaum Strom gibt, schauen die Leute Filme in improvisierten Kino-Sälen - aus Holzlatten gezimmerte Hallen mit Sitzbänken, in welchen Fernseher an der Wand verschraubt sind.

Als Nabwana jung war, so erzählt er, liefen in diesen Kinohallen meist amerikanische Actionfilme: "Rambo", "King Kong" oder die Fußballspiele von FC Bayern München. Ugandas Jugendliche träumten von Schauspielerkarrieren in Hollywood oder Fußballkarrieren wie die von Rummenigge, so Nabwana. Heute laufen in den meisten Kinosälen Ugandas die heimischen Streifen aus "Wakaliwood". Der Bekannteste: "Wer hat Captain Alex getötet?"; eine Art ugandische Bruce-Lee Heldenepos, der 2010 herauskam und "Wakaliwood" landesweit berühmt machte. Seither klopfen fast täglich Jugendliche an Nabwanas Studiotor, weil sie mitmachen wollen. Für viele ist "Wakaliwood" ein Hoffnungstor aus der Armutsfalle.

Familienunternehmen

Während Nabwana sein Team anweist, wie die Szene nachgedreht werden soll, kommt dessen Frau Harriet Nakasujja angelaufen - mit fünf Handys in der Hand, zwei davon klingeln. Sie kümmert sich um die Nachwuchsförderung und die Postproduktion.

In einem engen vollgestellten, dunklen Raum hinter dem Familienwohnzimmer hockt Nabwanas Sohn vor einem Computer. Mit flinken Fingern probiert der 14-jährige Isaac Newton Spezialeffekte aus. Mutter Nakasujja guckt ihm über die Schulter. "Er hilft uns mit den Effekten", sagt sie stolz. Der Junge führt seiner Mutter seinen neuesten Trick vor: Die Kugel aus einem Maschinengewehr trifft den Kopf eines Gangsters. Dieser explodiert, Blut spritzt in alle Richtungen. Nakasujja nickt begeistert. "Seitdem er das kann, sparen wir viel Geld, weil wir weniger Kunstblut einsetzen müssen", sagt sie. "Wir wollen die nächste Generation von Filmproduzenten hier ausbilden", erklärt Nakasujja. Insgesamt zwölf Kinder und Jugendliche aus der Verwandt- und Nachbarschaft leben mit der Nabwana-Familie, um das Filmgeschäft zu lernen. "Wakaliwood war von Beginn an ein Familienunternehmen", schmunzelt sie. "Als ich und mein Mann aufgewachsen sind, kannten wir nur Hollywoodfilme aus Amerika, das war ein entfernter Traum," so Nakasujja. "Die nächste Generation aber glaubt nun an die Filme aus Wakaliwood". Ihr Sohn nickt zustimmend.

Die Beteiligung in Kassel habe für ihn einiges verändert, berichtet Nabwana "Wir haben für diesen Film zum ersten Mal ein Budget, um unser Team zu bezahlen", sagt er stolz. Umgerechnet 2,50 Euro verdienen seine Schauspieler nun pro Tag, plus Mittagessen. Bislang konnte er sein Team nie bezahlen.

Nabwanas größte Herausforderungen in Ugandas Filmgeschäft, so sagt er, sei ein gewinnbringender Vertrieb. "Die lokalen Fernsehsender zeigen lieber amerikanische Actionfilme", klagt er: "Und die Videotheken kaufen uns eine Kopie ab und erstellen dann selbst jede Menge Kopien", regt er sich auf. "Auf Copyright-Rechte achtet hier niemand." Deswegen hat Nabwana sein eigenes Vertriebsnetzwerk aufgebaut: Der Regisseur händigt den Film den Schauspielern aus, sie können ihn selbst weiterverkaufen und das Geld behalten, so erwirtschaften sie gewissermaßen ihre Gage. "Da haben wir mehr davon als von den Piratenkopien." Umgerechnet rund 200 Euro konnte er bislang pro Film ausgegeben. "Mehr Geld haben wir einfach nicht", gibt er zu. Der größte Kostenfaktor ist stets: literweise rotes Kunstblut.